Unglaublich: diese Hits werden satte 40!
True Blue - 1986 war musikalisch ein guter Jahrgang. Unsere Hits zwischen Tschernobyl, Auto-Reverse, Zelda und dem Abschied von Phil Lynott.
True Blue - 1986 war musikalisch ein guter Jahrgang. Unsere Hits zwischen Tschernobyl, Auto-Reverse, Zelda und dem Abschied von Phil Lynott.
Peter Illmann erzählt in seinem Podcast Peters Pop Stories die Geschichten der größten 80s Hits, auch die von 1986. Hört hier in unser Musik- & Podcastradio rein.
1986 - Die Nachrichtenlage ist permanent angespannt, und genau in dieser Unruhe entstehen Songs, die später fast unverwüstlich wirken. Während rund um Tschernobyl Messgeräte durchdrehen, steht im isländischen Reykjavík Ronald Reagan mit Michail Gorbatschow in einem Hotelzimmer. Beide reden ernsthaft über Abrüstung. Tauwetter. Die Welt scheint sich zu öffnen. Vielleicht klingen viele Hits deshalb so klar, so selbstbewusst. Madonna führt den globalen Fanclub mit „True Blue“ an, zeigt Selbstbestimmung und tut so, als müsste man sich vor nichts und niemandem ducken. Prince verwandelt zwei Akkorde in eine internationale Funk-Erklärung und nennt sie schlicht „Kiss“. Peter Gabriel wirft jede verfügbare Tricktechnik gegen seinen Körper und heraus kommt „Sledgehammer“, ein Video, das aussieht wie ein Workshop für Kreativität unter leichtem Stromschlag. Und Falco marschiert als erster deutschsprachiger Künstler an die Spitze der US-Charts und lässt die Amerikaner irritiert zurück.
„I Engeneer“ markiert die Hinwendung der Band zu einem härteren, elektronisch geprägten Sound. Für eine Band aus Los Angeles war das überraschend.
Der Titel entstand im Kontext von „Top Gun“ und trägt die Handschrift von Giorgio Moroders synthetischer Flächenproduktion. Der Song etablierte Berlin international und zählt zu den prägendsten Filmsongs der Achtziger.
Die Zusammenarbeit mit Desmond Child definierte das Songwriting der Band neu und schuf ihren archetypischen Stadionrock-Sound. Die Talkbox-Passagen von Richie Sambora wurden zu einem dauerhaften Markenzeichen.
Der Track eröffnet Cameos erfolgreichste Phase und verbindet traditionellen Funk mit reduzierter, elektronischer Produktion. Manche sagen: One Hit-Wunder.
Die Ballade kombiniert Rockelemente mit stark komprimierten Drums und synthetischen Layern, wie sie für die Zeit typisch sind. Der Song brachte Cutting Crew internationalen Durchbruch und prägte den melodramatischen Poprock der Dekade.
Der Filmsong greift David Bowies Interesse an großorchestraler Poptradition auf und verknüpft 50er-Anklänge mit moderner Studioproduktion. Das Stück wurde einer seiner letzten großen Mainstream-Hits dieser Phase.
Der Titel zeigt den Übergang von klassischem Synthpop zu dunkleren, industriellen Klangtexturen. Die beginnende Zusammenarbeit mit Anton Corbijn beeinflusste die visuelle und ästhetische Entwicklung von Depeche Mode entscheidend.
Der Song dokumentiert die stilistische Neuausrichtung nach personellen Veränderungen und den starken Einfluss von Nile Rodgers. Die Funkorientierung markiert einen Wendepunkt im Sound des Projekts.
Der Track zählt zu den Erfolgstiteln der Produzenten Stock Aitken Waterman und demonstriert deren aufkommende Dance-Pop-Formel. Die House-inspirierte Rhythmik verbindet britischen Pop mit Clubmusik.
Der Song war kommerziell zunächst verhalten, wurde aber langfristig zu einem zentralen Fanfavoriten des Duos. Die klare Synth-Melodieführung und Andy Bells Vokaldynamik prägten den späteren Signature-Sound.
Der Titel öffnet das Duo stilistisch in Richtung gitarrenorientierten Pop der späten Achtziger. Die Kombination aus organischen und elektronischen Elementen zeigt die Übergangsphase zwischen ihren frühen und späteren Produktionen.
Der Song markiert eine härtere, rockigere Ausrichtung nach dem chartdominanten Jahr 1984. Die Abkehr vom Trevor Horn führte zu einer spürbaren stilistischen Neupositionierung.
Der Titel repräsentiert die poporientierte Phase der Band, stark geprägt durch Phil Collins‘ Soloästhetik. Die markante Hook machte den Song zu einem der international erfolgreichsten Titel ihrer Karriere.
Der Track steht exemplarisch für den Synth-Rock-Stil amerikanischer Action-Soundtracks der Achtziger. Die Produktion von Giorgio Moroder etablierte den Song als zentrales Element der „Top Gun“-Ästhetik.
Das Motown-Remake aktualisiert den Klassiker durch digitale Drum-Programmierung und Synthpop-Produktion. Der Track wurde einer der größten internationalen Erfolge von Kim Wilde in ihrer zweiten Karrierephase.
Der Song verbindet zugänglichen Pop mit dem technisch anspruchsvollen Bassspiel von Mark King und erreichte weltweit hohe Chartpositionen. Er gilt als komprimierte Darstellung des polierten Jazz-Funk-Pop der Mitte der Achtziger.
Der Titel markiert eine inhaltliche Hinwendung zu moralisch und gesellschaftlich diskutierten Themen. Die orchestrale Popproduktion von Stephen Bray und Patrick Leonard stärkte Madonnas Position als kulturell relevante Popfigur.
Der Song nutzt urbane Soundeffekte und Anleihen aus Filmmusik, inspiriert von Berichten über Vorstadtunruhen. Musikalisch verbindet er Synthpop mit atmosphärischer, fast szenischer Produktionsästhetik.
Seine minimalistische Funkphase, in der Reduktion das wesentliche Stilmittel ist. Die klare Rhythmik und extreme Produktionsökonomie machten den Song zu einem Modell moderner Funk-Pop-Integration.
Der Titel fungiert als zentrales musikalisches Motiv des „Highlander“-Soundtracks. Die Synth-getriebene und chartorientierte Produktion steht exemplarisch für Queens späte Studioentwicklung.
Der Song wurde einer der wenigen globalen Rückkehrhits der Gruppe nach ihrem frühen Höhepunkt.
Der Titel war als Abschluss ihres Projekts konzipiert und fasst die stilistischen Kernelemente ihrer Arbeit zusammen. Die Mischung aus Pop-, Soul- und Dance-Elementen deutete bereits die Ästhetik von George Michaels kommender Solokarriere an.
1986 versteht Musik den Begriff „international“ neu – nicht in den Charts, sondern auf den Bildschirmen. MTV schaltet den Turbo an und verwandelt Musik in eine globale Sprache. Jeder Musikclip wirkt plötzlich wie Diplomatie mit Synthesizer. Die Machthaber des Jahres laufen in den Nachrichtensendungen, aber im Wohnzimmer läuft Peter Gabriel, wie er sich in Obst verwandelt. Es ist eine Zeit, in der man alle Informationen in einer visuellen Mischmaschine serviert bekommt.
In der BRD bleibt das Fernsehen Leitmedium. Frank Elstner moderiert „Wetten, dass..?“ mit dem Wissen, dass ihm bald Thomas Gottschalk die Bühne übernimmt. Die Privatsender sind jung, laut und voller amerikanischer Serien, die aussehen, als wären sie direkt aus einer Pastellfarbfabrik entsprungen. In der DDR lebt das Fernsehen in einem eigenen Rhythmus. Die Nachrichten sind staatlich glattgebügelt, aber Musik schafft intime Fluchtlinien.
Im Jahr 1986 wird klar, dass Hits jetzt Bilder brauchen, um international bestehen zu können. Genesis verwandeln Politiker in groteske Puppen. A-ha schalten mit „I’ve Been Losing You“ auf erwachsen und verlassen die Comicwelt. Und Depeche Mode führen mit „A Question of Time“ den Synthpop endgültig in die Erwachsenenabteilung. So cool, so ikonisch. Während man all das mit weit geöffneten Augen aufsaugt, läuft in unzähligen Wohnzimmern ein Videorekorder auf Hochbetrieb. Der VHS-Turm ist 1986 ein kulturelles Institut. Auf der anderen Seite erleben Karat mit „Der blaue Planet“ ein unerwartetes Comeback, weil Umweltpolitik plötzlich kein Randthema mehr ist. Silly packen mit „Bataillon d’Amour“ das Ostrockjahr bei den Schultern. Der Abschied von Phil Lynott liegt wie ein Schatten über dem Rock.
1986 ist modisch zweigeteilt, aber auf beiden Seiten der Grenze bezeichnend. Die BRD trägt Schulterpolster. Neon wirkt, als wäre man permanent auf einer Messe für Zukunftstechnologien, selbst wenn man nur Milch holt. Dauerwellen stehen in voller Blüte, ausgerechnet in einem Jahr, in dem die Ozonloch-Debatte Fahrt aufnimmt.
Die DDR kämpft mit Materialknappheit und beeindruckt trotzdem mit Erfindungsgeist. Exquisit-Läden versuchen, ein wenig Luxus zu simulieren, während der Rest der Bevölkerung Kunstfasern in etwas verwandeln muss, das nach Mode aussieht.
Subkulturen spielen ohnehin nach eigenen Regeln. Ostpunks tragen Lederjacken, die Geschichten erzählen, selbst wenn sie offiziell nicht stattfinden sollen. Waver ziehen sich in Schwarz zurück, weil das damals die ehrlichste Farbe ist.
Der Walkman macht das Jahr mobil. Ein Mensch mit Kopfhörern ist nicht mehr Teil des Straßenbilds, sondern der Held im eigenen Musikvideo. Auto-Reverse verwandelt den Bandsalat in eine aussterbende Spezies.
Die CD schleicht sich währenddessen in die Wohnzimmer, glänzend wie ein Versprechen. Parallel dazu wachsen HiFi-Türme zu Wohnskulpturen. Der Heimcomputer wiederum zieht klammheimlich die Zukunft groß.
Der Commodore 64 liefert Stallgeruch für eine ganze Generation von Entwicklern. Der Atari ST vernetzt Musikerinnen und Musiker via MIDI. Der Amiga zeigt grafisch, wohin sich Unterhaltung entwickeln wird.
Und im Kinderzimmer klickt langsam ein grauer Nintendo-Controller, während „The Legend of Zelda“ neben Pop und Politik eine dritte Welt öffnet.
In den Kinos laufen 1986 Filme, die später überall zitiert werden, egal ob man Pop, Action oder Kunst bevorzugt. Tom Cruise knallt in „Top Gun“ durch die Luft, als hätte er den Begriff Testosteron erfunden.
Sigourney Weaver zeigt in „Aliens“, wie Fortsetzungen reinknallen können. Und Matthew Broderick bricht in „Ferris macht blau“ so charmant die Regeln, dass Schulschwänzen kulturelle Aufwertung erfährt. Die Ostkinos zeigten „Der Name der Rose“ und „Amadeus“.
In den USA eskaliert 1986 die Crack-Epidemie. Die Reagan-Regierung antwortet mit Härte, die wenig hilft. Diese Bilder aus New York, Los Angeles und Miami sickern auch in die europäische Wahrnehmung. Denn Crack verwandelt dort ganze Straßenzüge in Brennpunkte, weil der Stoff billig, sofort suchterzeugend und leicht zu verteilen ist – ein chemischer Shortcut, der Städte in einen Ausnahmezustand zwingt.
HipHop reagiert in dieser Phase noch vorsichtig, doch zwischen den Zeilen von Run-D.M.C., Kool Moe Dee oder der frühen West-Coast-Szene hört man bereits, dass hier ein Thema heranwächst, das das Genre wenige Jahre später definieren wird.
Gleichzeitig beginnt MDMA in Clubs zu zirkulieren – die spätere Rave-Kultur macht hier ihren ersten Atemzug. Die DDR kämpft mit Heroinproblemen in Großstädten, während die BRD eine Mischung aus Alkohol, Partydrogen und medialer Verunsicherung erlebt. Pop reflektiert das nie direkt, aber die Spannung ist spürbar.
1986 bewegt sich im Underground viel schneller als der Mainstream, denn „House Nation“ von den Housemaster Boyz markiert einen frühen Moment, in dem House aus Chicago heraus eine eigene globale Sprache entwickelt, während 16 Bit mit „Where Are You?“ ihren Amiga-Computer an die Grenzen des Möglichen treiben.
Sigue Sigue Sputnik schieben mit „Love Missile F1-11“ eine hyperkulturelle Mischung aus Futurismus und Trash in die Clubs und zeigen, wie stark Pop und Cyberfantasien damals ineinandergreifen, während Radiorama mit „Vampires“ den späteren Italo-Revival-Katalog unbewusst mitschreibt.
Mit Off und „Electrica Salsa“ bereitet Sven Väth seinen Durchbruch vor, während Rio Reiser mit „König von Deutschland“ einen politisch aufgeladenen Underground-Hit liefert, der genauso gut in besetzten Häusern wie in studentischen WGs funktioniert.
A Split-Second verschieben mit „Flesh“ das Zentrum der elektronischen Subkulturen in Richtung EBM und prägen eine Klangästhetik, die später für Industrial und Rave gleichermaßen wichtig wird, und Cultural Vibe setzen mit „Ma Foom Bey“ einen New-Yorker Clubstandard, dessen Konzept den Weg für spätere Tribal-House-Varianten ebnet.
Auffällig bleibt, dass dieser komplette Jahrgang heute kaum Altersspuren zeigt. Viele der Songs und Produktionen klingen vier Jahrzehnte später erstaunlich stabil, als hätte 1986 technische und ästhetische Standards gesetzt, die bis heute problemlos funktionieren.
Und 2026 wird 80s80s diesen Sound weiter ganz selbstverständlich mitnehmen – einfach, weil diese Musik auch nach 40 Jahren noch problemlos im Jetzt funktioniert.