Als Synthesizer zu Hitmaschinen wurden
80s80s hat ein neues Radio für den elektronischen Hit-Sound der 80er. So wurden Drum Machines, Sequencer und künstliche Klänge zum perfekten Material für große Pop-Hits.
80s80s hat ein neues Radio für den elektronischen Hit-Sound der 80er. So wurden Drum Machines, Sequencer und künstliche Klänge zum perfekten Material für große Pop-Hits.
The Human League machten elektronische Popmusik 1981 mit „Don't You Want Me“ endgültig massentauglich: Der Song stand fünf Wochen auf Platz eins in Großbritannien. Der Erfolg zeigte, dass Synthesizer nicht nur Zukunftsmusik, sondern großes Radio-Popmaterial waren. Dabei waren The Human League zunächst nicht der sichere Kandidat für Millionenpop. Die Band war 1977 in Sheffield entstanden und gehörte zu einer Generation britischer Musiker, die Synthesizer nicht als Dekoration für Rockmusik verstand, sondern als Ausgangspunkt. Nach personellen Veränderungen entstand 1981 das Album „Dare“, auf dem Philip Oakey, Joanne Catherall und Susan Ann Sulley gemeinsam mit ihren Bandkollegen einen deutlich zugänglicheren elektronischen Sound entwickelten.
Der entscheidende Song wäre beinahe gar keine Single geworden: Philip Oakey hielt „Don't You Want Me“ zunächst nicht für stark genug und fand, eine vierte Single aus „Dare“ sei den Fans kaum zuzumuten. Das Publikum sah das etwas anders. The Human League veröffentlichten „Don't You Want Me“ Ende November 1981. Wenige Wochen später stand der Song fünf Wochen lang an der Spitze der britischen Charts und wurde dort zur Weihnachts-Nummer-eins (das war in den 80ern eine wichtige Größe). Das Entscheidende daran ist aus heutiger Sicht weniger die einzelne Chartposition als die Selbstverständlichkeit, mit der elektronische Popmusik plötzlich im Zentrum des Mainstreams stand. The Human League klangen nicht erfolgreich, obwohl Synthesizer den Song dominierten. Sie klangen erfolgreich, weil Synthesizer den Song dominierten.
Depeche Mode lieferten im selben Jahr ein weiteres Argument. „Just Can't Get Enough“, noch von Vince Clarke geschrieben, erreichte 1981 Platz acht der britischen Charts. Depeche Mode würden ihren Sound danach erheblich verändern und dunkler, komplexer und monumentaler werden. Aber gerade der frühe Hit zeigt eine Grundidee, die für Synthiepop wichtig blieb: Ein neuer Klang allein reicht nicht. „Just Can't Get Enough“ funktioniert vor allem deshalb, weil die elektronische Produktion an einer Melodie hängt, die sich ungefähr so hartnäckig im Kopf festsetzt wie Kaugummi an der Schuhsohle.
ie Eurythmics zeigen besonders gut, dass die Antwort nicht einfach „neue Technik“ lautet. Dave Stewart erinnerte sich später daran, dass ein Drumcomputer und ein Sequencer für ihn und Annie Lennox entscheidend gewesen seien. „Ohne Technologie hätten wir Eurythmics nicht erschaffen können“, sagte Dave Stewart rückblickend gegenüber The Guardian.
Die Technik war für Eurythmics also kein Effektgerät am Ende einer Produktion, sondern half dabei, überhaupt eine neue musikalische Identität zu entwickeln. Bei „Sweet Dreams (Are Made of This)“ mussten Dave Stewart und Annie Lennox allerdings erst einmal selbst herausfinden, was ihre Maschinen eigentlich konnten. Dave Stewart erzählt, er habe anfangs einen Teil des neuen Equipments kaum bedienen können. Aus einem programmierten Beat und zwei gegeneinander laufenden Synthesizerfiguren entstand schließlich der Kern des Songs. Die Plattenfirma soll zunächst bezweifelt haben, dass „Sweet Dreams (Are Made of This)“ als Single funktioniert, weil ein klassischer Refrain fehlte.
Eurythmics landeten damit trotzdem auf Platz zwei in Großbritannien; der vermeintlich sperrige elektronische Track war plötzlich lupenreiner Pop. Der Erfolg der Eurythmics erklärt auch einen scheinbaren Widerspruch des Synthiepop. Viele dieser Produktionen klangen damals futuristisch, ihre kompositorische Grundlage war aber häufig äußerst traditionell. Annie Lennox sang starke, klar erkennbare Melodien, während Dave Stewart Sounds baute, die sich deutlich von klassischen Bandarrangements unterschieden. Genau daraus entstand die Spannung: ungewohnte Klangfarben, vertraute Popmechanik. Der Synthesizer erfand den Refrain nicht neu. Er sorgte dafür, dass der Refrain anders klang.
a-Ha trieben dieses Prinzip 1985 mit „Take On Me“ auf die Spitze. Morten Harket, Magne Furuholmen und Pål Waaktaar-Savoy verbanden eine Synthesizerfigur, einen schnellen elektronischen Puls und eine Gesangsmelodie, die für Morten Harket bis in extreme Höhen reicht. „Take On Me“ brauchte mehrere Anläufe und unterschiedliche Versionen, bevor die endgültige Aufnahme zum großen internationalen Erfolg wurde.
Bei a-Ha kommt noch ein zweiter Teil der 80er-Hitformel hinzu: elektronische Popmusik und visuelle Popkultur entwickelten sich gleichzeitig weiter. „Take On Me“ war nicht nur ein Song, sondern wurde durch sein gezeichnetes und gefilmtes Musikvideo zu einem der prägnanten Popbilder des Jahrzehnts. Für Morten Harket, Magne Furuholmen und Pål Waaktaar-Savoy war das ein enormes Schaufenster. Entscheidend blieb trotzdem der Song. Das berühmteste Video der Welt hätte wenig geholfen, wenn hinter den Bleistiftzeichnungen keine Melodie gesteckt hätte, die schon nach wenigen Sekunden identifizierbar ist.
Erasure machten wenige Jahre später aus dieser Kombination ein dauerhaftes Modell für Erfolg. Vince Clarke, inzwischen nicht mehr bei Depeche Mode und nach Yazoo erneut in einer neuen Formation, gründete Erasure mit Andy Bell. „Sometimes“ erreichte Ende 1986 überall hohe Chartpositionen. Vince Clarke war damit an mehreren entscheidenden Kapiteln des elektronischen Pops beteiligt, ohne dass die jeweiligen Bands identisch klangen. Die gemeinsame Konstante war eher seine Fähigkeit, elektronische Arrangements so zu bauen, dass sie den Song nicht unter sich begruben.
Bei New Order wird die Sache komplizierter – und damit interessanter. Bernard Sumner, Peter Hook, Stephen Morris und Gillian Gilbert kamen aus einem Umfeld, das viel stärker mit Post-Punk und New Wave verbunden war als mit klassischem Chartpop. Trotzdem erreichte „True Faith“ 1987 Platz vier in Großbritannien. Elektronischer Beat, Sequenzen und große Hook machten New Order damit auch zu einer Band, deren Musik hervorragend in die Geschichte des elektronischen Hit-Sounds passt.
Genau an New Order sieht man, warum eine wasserdichte Genregrenze wenig hilfreich wäre. Bernard Sumner und seine Bandkollegen bewegten sich zwischen Rockband, Clubkultur, Post-Punk und elektronischem Pop. „True Faith“ wird nicht weniger elektronisch, nur weil andere New Order-Songs an anderer Stelle besser unter New Wave einsortiert werden können. Ein Song muss sich schließlich nicht entscheiden, in welchem Regal einer Musikbibliothek er nachts schlafen möchte.
Auch Bronski Beat sprengen eine zu enge Definition. Jimmy Somerville, Steve Bronski und Larry Steinbachek verbanden bei „Smalltown Boy“ elektronische Tanzmusik mit einem Text über Ausgrenzung, Homophobie und das Verlassen der Heimat. Der Song erreichte 1984 Platz drei der britischen Charts. Damit wurde aus einer sehr konkreten Geschichte über einen jungen schwulen Mann zugleich ein international erfolgreicher Popsong. Bronski Beat zeigen deshalb besonders deutlich, dass Eingängigkeit und inhaltliche Schwere keine Gegensätze sein müssen.
Alphaville gehören zur deutschen Seite dieser Erfolgsgeschichte. Marian Gold, Bernhard Lloyd und Frank Mertens entwickelten Anfang der 80er einen elektronischen Popentwurf, der nicht versuchte, deutsche Eigenheiten besonders laut vor sich herzutragen. Songs wie „Sounds Like A Melody“ oder „Forever Young“ funktionierten bewusst international. Alphaville stehen damit für eine Phase, in der deutsche Popproduktionen mit Synthesizern nicht mehr automatisch als Sonderfall oder experimenteller Export wahrgenommen werden mussten.
Auch Camouflage setzten diese Linie fort. Marcus Meyn, Heiko Maile und Oliver Kreyssig orientierten sich deutlich an britischer elektronischer Popmusik, entwickelten aber mit Songs wie „The Great Commandment“ und später „Love Is A Shield“ eine eigene internationale Karriere. Gerade Camouflage machen deutlich, wie stark die elektronische Popästhetik der 80er längst zu einer musikalischen Sprache geworden war, die nicht mehr an Sheffield, Basildon oder London gebunden blieb.
Und dann ist da Sandra. „In The Heat Of The Night“ zeigt, warum der Begriff elektronischer Hit-Sound für Synthiepop funktioniert. Sandra wird je nach Perspektive auch Euro-Pop oder Dance-Pop zugerechnet. Im Hintergrund wurde der Sound aber von Michael Cretu (link: /michael-cretu-sandra am Synthie geboren. Frisch, modern und Charttauglich.
Bei den Pet Shop Boys wird aus elektronischem Pop schließlich fast eine eigene Form von Architektur. Neil Tennant und Chris Lowe kombinierten programmierte Beats und große Synthesizerflächen mit Texten, die oft distanzierter, genauer und ironischer waren als vieles, was gleichzeitig im Radio lief. „It's A Sin“ stand 1987 an der Spitzer der Charts in vielen Ländern. Interessant ist dabei, wie weit die musikalischen Bezugspunkte von Neil Tennant zurückreichen.
Über den elektronischen Klang der Tornados-Single „Telstar“ von 1962 sagte Neil Tennant später gegenüber The Guardian: „Ich wusste, das war die Zukunft.“ Elektronischer Pop begann also nicht plötzlich am Morgen des 1. Januar 1980. Für Musiker wie Neil Tennant war die Vorstellung, mit Studiotechnik Klänge zu erzeugen, die eine klassische Band gar nicht reproduzieren konnte, schon lange vorher faszinierend.
Bei den Pet Shop Boys, Erasure, Depeche Mode oder The Human League klingt diese Technik heute trotzdem unverkennbar nach 80ern. Das liegt auch daran, dass damalige Instrumente und Produktionsmethoden starke akustische Fingerabdrücke hinterließen: bestimmte Drum-Machine-Sounds, Sequenzen, digitale Flächen und synthetische Bässe. Aber Technik allein erklärt nicht, warum die Songs geblieben sind. Pet Shop Boys konnten „It's A Sin“ mit dem modernsten Equipment ihrer Zeit produzieren – im Gedächtnis bleibt am Ende trotzdem der Refrain.
Bronski Beat und New Order zeigen, wie wichtig der Club für diese Musik war, während The Human League und a-Ha gleichzeitig bewiesen, dass elektronischer Pop genauso selbstverständlich im Radio funktionieren konnte. Diese Welten waren keine getrennten Räume. Elektronische Tanzbarkeit wanderte in den Mainstream, während Popbands Ideen aus Disco, Hi-NRG, Post-Punk und experimenteller Musik übernahmen. Ausgerechnet Maschinen halfen dabei, Pop körperlicher zu machen.
Bei den Pet Shop Boys lässt sich diese Verbindung besonders gut hören. Neil Tennant beschrieb „West End Girls“ später gleichzeitig als Dance-Track, Rap und nächtliche urbane Klanglandschaft. Genau diese Mehrdeutigkeit gehört zum Erfolg des elektronischen Pops: Pet Shop Boys mussten sich nicht zwischen Clubtrack, Popsong und kleiner Großstadtgeschichte entscheiden. Sie konnten alles gleichzeitig sein.
Und Eurythmics erinnern daran, dass sich hinter der kühlen Oberfläche oft erstaunlich wenig Kühle verbarg. Annie Lennox erklärte später über „Sweet Dreams (Are Made of This)“, der Song sei keineswegs glücklich; persönliche Krisen und Erfahrungen mit dem Musikgeschäft seien direkt in den Text eingeflossen. Gerade dadurch funktionierte die Kombination so gut: Eurythmics ließen einen streng programmierten elektronischen Rhythmus auf eine Stimme und einen Text treffen, die alles andere als maschinell wirkten.
80s80s SYNTHIEPOP bündelt genau diese Seite des Jahrzehnts in einem eigenen Radio. Bei The Human League läuft „Don't You Want Me“, bei Erasure „Sometimes“, bei Sandra Cretu „In The Heat Of The Night“, bei a-Ha „Take On Me“, bei Bronski Beat „Smalltown Boy“ und bei den Pet Shop Boys „It's A Sin“. Dazu kommen unter anderem Alphaville, Camouflage, Depeche Mode, Eurythmics, New Order, OMD, Soft Cell, Ultravox, Visage und Yazoo. Entscheidend ist, dass nach wenigen Takten klar ist: Dieser Sound konnte nur in den 80ern so neu wirken – und gleichzeitig so verdammt gut als Pop funktionieren.
“Take On Me” von A-ha? Ein echter Ohrwurm, der einem nach dem ersten Hören nicht mehr aus dem Kopf geht! Oder? Tatsächlich war das Lied ein Flop - und das gleich mehrfach hintereinander. Wie es doch noch zu einem der größten Hits der 80er wurde, erzähl ich Euch in dieser Folge.
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