The Human League - The Lebanon

The Lebanon - Single
The Lebanon - Single

The Human League "The Lebanon"

Jahr: 1984
Länge: 3:37
Album: Hysteria
Label: Virgin

The Human League "The Lebanon" aus dem Jahr 1984

"The Lebanon" war in vieler Hinsicht ein problematischer Song für The Human League. Das betrifft seine Entstehung, den Stil und natürlich insbesondere den Text. The Human League waren 1984 an einem kritischen Punkt ihrer Geschichte: Der Erfolg ihrer Singles wie "Don't You Want Me", "Being Boiled" und "(Keep Feeling) Fascination" belastete die Kreativität. Der Druck wuchs. Die Plattenfirma war bereit einen hohen Preis für weitere Aufnahmen zu zahlen. So wurde The Human League im exklusiven Associated Independent Recording-Studio in der Oxford Street in London eingemietet, für die unglaubliche Zeit von einem ganzen Jahr. Am Ende standen deutlich mehr als 300.000 Britische Pfund auf der Rechnung, also weit über eine Millionen DM (was inflationbereinigt heute mehr als einer Millionen Euro entspricht). Im Studio diskutierten Philip Oakey, Joanne Catherall, Jo Callis, Susan Ann Sulley, Philip Adrian Wright und Ian Burden über jede Note und jede Textzeile. "The Lebanon" ist ein Ergebnis dieser Tortur. Auf dem Weg dahin warf The Human League einen Grundsatz der Band über Bord: Die "keine Gitarren-Regel" aus dem Jahr 1981. Denn "The Lebanon" klingt für The Human League-Verhältnisse sehr rockig. Keyboards bleiben ein bestimmendes Stilmittel, aber der Song beginnt mit Gitarren... Fans waren verblüfft. Dennoch verkaufte sich "The Lebanon" in vielen Ländern ganz gut, in Deutschland war die Single nur als Import zu bekommen und kam daher nicht in die Charts.

Warum sich The Human League mit dem Text auf ein derart dünnes Eis begaben ist unklar. Zwischenzeitlich setzen sich die Mitglieder der Band durchaus kritisch mit dem Text auseinander. Der Sänger Philip Oakey hält den Song mittlerweile für einen Fehler, dem Portal Noise11 sagte er:

"Ich bin mir nicht sicher, ob Gruppen politische Songs machen sollten, ich hatte ein paar Texte geschrieben, und dann gingen wir als Band in eine Bar, und sie fragten mich, auf welcher Seite ich politisch stehe, und es gab einen riesigen Streit. Ich denke, dass Politik eher für Solokünstler ist. Da sind Positionen leichter zu verstehen, bei uns war das ein schlimmes Durcheinander. 'The Lebanon' war ein Fehler."

The Human League mussten sich damals, aber auch heute, für den Text den Vorwurf der politischen Naivität gefallen lassen. Der Text beschreibt den Libanon vor und während des Bürgerkrieges. Im Text wird von Soldaten gesprochen, die das Land wieder verlassen sollen. Eine naheliegende Interpretation dafür ist das israelische Militär, das im Rahmen der Operation "Frieden für Galiläa" 1982 im Libanon einmarschierte. Die Gebiete blieben bis 1985 besetzt. Philip Adrian Wright erklärte 1984 in einem Interview, dass sich der Text auf das Massaker von Sabra and Shatila bezieht. Dort hatten einige Hundert christliche Milizen ein Massaker unter palästinensische Flüchtlingen verübt. Die Milizen verstümmelten, folterten, vergewaltigten und töteten überwiegend Zivilisten. Das israelische Militär griff nicht ein, unterstützter die Aktion sogar logistisch. Allerdings kann man die im Text "anwesenden Soldaten" auch als Truppen aus Syrien interpretieren, denn das Nachbarland hatte ab 1976 fast 30.000 Soldaten im Libanon. 

In den 80ern wurde The Human League meist nicht abverlangt, eine Seite im Konflikt zu beziehen. Das ist eher ein Phänomen der letzten Jahre. Aber die Kritiker waren sich einig, dass der Text die Vorgänge im Nahen Osten drastisch banalisiert. Tatsächlich bleibt der Text in fast lächerlicher Weise an der Oberfläche, und deutet Tiefe nur an. Das triviale Musikvideo zu "The Lebanon" bestätigt diesen Eindruck zusätzlich.

The Human League: "The Lebanon"

The Human League - The Lebanon
The Human League - The Lebanon