„Dexys“ kommen nach Berlin
Dexys Midnight Runners melden sich mit dem neuen Album „Love“ zurück – und zwar wieder unter dem vollen Bandnamen, den viele bis heute mit „Come On Eileen“ verbinden.
Dexys Midnight Runners melden sich mit dem neuen Album „Love“ zurück – und zwar wieder unter dem vollen Bandnamen, den viele bis heute mit „Come On Eileen“ verbinden.
Dexys Midnight Runners veröffentlichen am 4. September 2026 das Album „Love“ und spielen am 10. Oktober 2026 in Berlin. Für 80s-Fans bedeutet das: Der Name, die neue Musik und die alte Unberechenbarkeit von Kevin Rowland sind wieder zurück. Kevin Rowland kommt nicht einfach, um „Come On Eileen“ noch einmal durch den Saal zu schieben und danach schnell ins Hotel zu verschwinden. Kevin Rowland bringt mit „Love“ ein neues Album mit, einen alten Bandnamen zurück auf die Bühne und nebenbei eine dieser Popgeschichten, bei denen man kurz denkt: Ach ja, deshalb reden wir über Dexys Midnight Runners nicht wie über jede andere 80s-Band.
Dexys Midnight Runners haben ihr neues Album „Love“ angekündigt. Es soll am 4. September 2026 erscheinen. Das meldete das Label, das Kevin Rowland und Dexys Midnight Runners aktuell begleitet. Der neue Longplayer ist ein sehr persönliches und emotionales Werk. Es erzählt Geschichten aus Kevin Rowlands Leben – von seiner irischen Kindheit (zweite Generation) über familiäre Beziehungen bis hin zu Liebe, Verlust und Versöhnung im fortgeschrittenen Leben.
Produziert wurde das Album von David Holmes, dem Belfaster Musiker/DJ, mit Unterstützung von Peter Schweir; Gastbeiträge kommen von langjährigen Weggefährten wie Sean Read, Mike Timothy, Jim Paterson und dem Streicherarrangeur Brian Irving. Als erste Single aus dient „My Life In England Pt. 1“. Kevin Rowland erklärt dazu: „Wir hatten 2003 eine Version dieses Songs auf einem Sampler, ich dachte aber, wir könnten ihn verbessern. Er basiert auf meinen eigenen Erfahrungen..“
Dazu kommen neue Tourdaten für Großbritannien und Europa. Für Deutschland besonders interessant: Dexys Midnight Runners kommen am 10. Oktober 2026 nach Berlin, in die Passionskirche Kreuzberg. Das ist eine ziemlich passende Location für eine Band, die Soul, Drama, Biografie und britisch-irische Erinnerung ohnehin nie sauber voneinander trennen konnte.
Kevin Rowland hat in den vergangenen Jahren viel dafür getan, dass Dexys Midnight Runners nicht nur als „Come On Eileen“-Band im 80s-Regal stehen bleiben. 2023 erschien mit „The Feminine Divine“ ein neues Album, damals unter dem verkürzten Namen Dexys. Jetzt ist der volle Name zurück. Kevin Rowland veröffentlicht „Love“ als erste neue Platte unter dem Namen Dexys Midnight Runners seit „Don’t Stand Me Down“ aus dem Jahr 1985.
Das ist eine Ansage, weil Dexys Midnight Runners damit nicht nur ein neues Kapitel öffnen, sondern auch ein altes wieder anschließen. Nicht an Nostalgie als Selbstzweck, sondern an eine Bandgeschichte, die nie geradeaus verlief. Kevin Rowland war immer zu eigensinnig, zu unruhig und manchmal auch zu schwierig, um einfach nur die erwartbare Version seiner eigenen Vergangenheit zu liefern.
Kevin Rowland hat den Namen Dexys Midnight Runners nicht zufällig wieder nach vorne gestellt. Der verkürzte Name Dexys hatte zwar eine gewisse Eleganz, aber er kappte auch etwas: die unmittelbare Verbindung zu jener Band, die Anfang der 80er mit „Geno“ und „Come On Eileen“ riesige Hits hatte. Für alte Fans war klar, wer gemeint ist. Für jüngere Hörerinnen und Hörer war das offenbar weniger eindeutig.
Dexys Midnight Runners waren nie nur ein Name. Kevin Rowland hat aus der Band immer ein komplettes System gemacht: Sound, Kleidung, Haltung, Sprache, Auftritt. In den frühen 80ern bedeutete das Bläser, Soul, keltische Anklänge, Arbeiterklassen-Gestus und ein Frontmann, der nicht sang, als wolle er gefallen, sondern als müsse er etwas loswerden.
„Come On Eileen“ wurde der große Hit, aber Kevin Rowland hat sich nie besonders bequem in der Rolle des Hitlieferanten eingerichtet. Genau darin liegt bis heute der Reiz von Dexys Midnight Runners: Diese Band war erfolgreich, aber selten zufrieden mit dem, was Erfolg aus ihr machen wollte. Kevin Rowland hatte schon nach dem Megahit „Come On Eileen“ keine große Lust, das Erfolgsrezept brav zu wiederholen.
Das Album „Don’t Stand Me Down“ von 1985 war sperriger, erzählerischer, weniger offensichtlich radiofreundlich. Für manche war es ein mutiger Schritt, für andere ein kommerzieller Stolperer. Bei Dexys Midnight Runners ist beides meistens gleichzeitig wahr. Kevin Rowland suchte nicht die sauberste Route, sondern diejenige, die sich für ihn notwendig anfühlte. Genau deshalb wirkt die Rückkehr zum vollen Namen 2026 nicht wie ein simples Retro-Schild, sondern eher wie ein bewusstes Zurückholen der gesamten, widersprüchlichen Geschichte.
Dexys Midnight Runners spielen am 10. Oktober 2026 in der Passionskirche Kreuzberg in Berlin. Für Kevin Rowland und diese Band ist das kein belangloser Tourstopp. Eine Kirche in Kreuzberg ist für Dexys Midnight Runners fast schon zu passend: ein Raum mit Hall, Geschichte und genug Würde, um große Gefühle auszuhalten, ohne gleich in Stadionpathos zu kippen. Genau das braucht diese Musik.
Kevin Rowland war immer dann am stärksten, wenn seine Songs nicht einfach performt, sondern verhandelt wurden. Auf einer großen Festivalbühne kann so etwas verpuffen. In einem konzentrierten Raum kann es ziemlich direkt werden. Kevin Rowland und Dexys Midnight Runners werden bei solchen Konzerten natürlich an „Come On Eileen“ gemessen. Das ist unvermeidlich und auch nicht unfair.
Ein Song, der so groß wurde, verschwindet nicht aus dem Raum, nur weil ein Künstler neue Kapitel aufschlägt. Aber genau hier liegt der Konflikt: Kevin Rowland will offenkundig nicht auf diesen einen Moment reduziert werden, während viele Besucherinnen und Besucher natürlich trotzdem diese eine Zeile im Kopf haben, sobald der Name Dexys Midnight Runners fällt. Das ist kein Fehler im System, das ist das System.
Popgeschichte ist selten gerecht zu den Menschen, die sie geschrieben haben. Kevin Rowland hat aus diesem Konflikt über Jahrzehnte eine Art künstlerischen Motor gemacht. Dexys Midnight Runners können 2026 deshalb beides sein: eine Band, die mit einem 80s-Klassiker verbunden bleibt, und eine Band, die ein neues Album über Alter, Liebe, Herkunft und Erinnerung veröffentlicht.
Kevin Rowland bringt neben neuer Musik auch eine alte Geschichte mit. In einem NME-Interview erinnerte sich Kevin Rowland daran, wie Dexys Midnight Runners 1983 als Support für David Bowie spielten und die Situation eskalierte. Ein Teil des Publikums wartete offenbar weniger auf Dexys Midnight Runners als auf David Bowie. Kevin Rowland fühlte sich provoziert, griff zum Mikro und beleidigte David Bowie sinngemäß als „full of shit“ und „Eine schlechte Kopie von Bryan Ferry“.
Kevin Rowland erzählte, dass er damals auf starken Schlaftabletten gewesen sei und das Publikum ihn mit Bowie-Rufen gereizt habe. Nach seinem Ausbruch wurde der Auftritt von Dexys Midnight Runners offenbar beendet, und die Band durfte den zweiten geplanten Abend nicht mehr spielen. Besonders unangenehm: David Bowie soll sich laut Kevin Rowland hinten an der Bühne befunden und die Bemerkung gehört haben. Später sagte Kevin Rowland, David Bowie sei wohl „echt verärgert“ gewesen.
Jahre danach schrieb Kevin Rowland nach eigener Aussage einen Entschuldigungsbrief an David Bowie, bekam aber keine Antwort. Die Geschichte zeigt, wie schnell bei Dexys Midnight Runners Stolz, Unsicherheit, künstlerischer Anspruch und Selbstsabotage ineinanderlaufen konnten. Als Support-Act den Headliner David Bowie vor dessen Publikum anzugreifen, ist einfach nicht diplomatisch.
Kevin Rowland ist nicht interessant, weil er David Bowie beleidigt hat. Kevin Rowland ist interessant, weil er solche Momente später nicht einfach als coole Rock’n’Roll-Legende verkauft. Er ordnet sie ein, bereut sie, spricht über Sucht, schlechte Verfassung, Verletzlichkeit und Überforderung. Der Ausbruch sagt eher etwas über das Verhältnis von Headliner, Support und Publikum aus. Wer als Vorband auf eine Masse trifft, die nur auf den Hauptact wartet, spielt nicht nur gegen den Lärm, sondern gegen eine Erwartung.
Kevin Rowland reagierte darauf nicht souverän, sondern maximal rowlandesk: frontal, verletzend, unklug. Dass er den Vorfall später nicht stolz ausschlachtete, sondern bedauerte, macht die Geschichte heute erzählenswert. Kevin Rowland trifft mit seinem alten Seitenhieb gegen David Bowie auch deshalb einen Nerv, weil er Bryan Ferry ins Spiel brachte. David Bowie und Bryan Ferry gehören beide zu jenen Figuren der 70er und 80er, bei denen Pop immer auch Stil, Pose, Kunstgriff und Selbstinszenierung war.
Kevin Rowland war ebenfalls ein Künstler, der genau wusste, wie stark Kleidung, Haltung und Bildsprache wirken. Der Vorwurf an David Bowie war also nicht einfach irgendeine Beleidigung. Er kam aus einem Feld, in dem es um Originalität, Stilhoheit und die Frage ging, wer von wem gelernt hat.
Dexys Midnight Runners kommen 2026 also nicht nur als Erinnerung an einen riesigen Hit nach Berlin. Kevin Rowland bringt mit „Love“ ein Album mit, das biografisch, altersbewusst und wahrscheinlich ziemlich persönlich ausfällt: neues Album, neue Single, Berlin-Konzert, Namensrückkehr, Bowie-Anekdote, späte Selbstbefragung. Kevin Rowland ist vielleicht nicht der bequemste 80s-Rückkehrer, aber genau deshalb bleibt er spannend. Dexys Midnight Runners einfach auf „Come On Eileen“ zu reduzieren, wäre ungefähr so, als würde man David Bowie nur wegen „Let’s Dance“ erklären: nicht komplett falsch, aber ziemlich faul.
Das hat es in der Geschichte der Popmusik vermutlich auch kein zweites Mal gegeben: Eine Band, die einerseits richtig erfolgreich ist, so, wie man es sich als Musiker nur erträumen kann – und trotzdem laufen ihr scharenweise die Mitglieder davon. Warum genau das bei den “Dexys Midnight Runners” geschah, hört ihr in dieser Folge.
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