8 Fakten zur neuen Platte von David Bowie
Zehn bislang unveröffentlichte Aufnahmen: Ein junger Jimmy Page und Songs, zu denen Bowie Jahrzehnte später zurückkehrte: Diese Veröffentlichung ist mehr als nur der nächste posthume Archivfund.
Zehn bislang unveröffentlichte Aufnahmen: Ein junger Jimmy Page und Songs, zu denen Bowie Jahrzehnte später zurückkehrte: Diese Veröffentlichung ist mehr als nur der nächste posthume Archivfund.
Man kann bei David Bowie eigentlich auf fast jede Phase seiner Karriere zeigen und sagen: Da passiert gerade etwas Interessantes. Bei "The Shel Talmy Recordings" gilt das allerdings auf eine etwas andere Art. Hier geht es nicht um einen fertigen Stil, einen großen Hit oder die nächste spektakuläre Neuerfindung. Es geht um das Gegenteil: um einen 18-jährigen Davie Jones, der 1965 noch ausprobiert, verwirft, übernimmt und weitersucht. Genau deshalb ist diese Veröffentlichung für Bowie-Fans spannender als die übliche Schublade "Frühwerk" vermuten lässt. Am 18. September 2026 erscheint die Sammlung - und liefert Material aus einer Zeit, in der David Bowie zwar schon enorm ehrgeizig war, aber eben noch nicht wusste, wie David Bowie eigentlich klingen sollte. Wir haben die 8 wichtigsten Erkenntnisse zur Veröffentlichung.
Der erste wichtige Punkt ist fast banal – und trotzdem entscheidend: Die meisten Aufnahmen entstanden zu einer Zeit, in der David Bowie noch als Davie Jones arbeitete. Geboren wurde David Bowie als David Robert Jones, und Mitte der 60er war der spätere Weltstar erst einmal einer von vielen jungen Londoner Musikern, die zwischen Rhythm & Blues, Beat und Pop ihren Platz suchten.
Das Problem lag nicht nur musikalisch. Der Name Davie Jones war im britischen Popgeschäft alles andere als exklusiv, und mit Davy Jones von The Monkees tauchte bald ein weiterer Musiker mit praktisch identischem Namen auf. Bis Ende September 1965 hatte Davie Jones den Namen David Bowie angenommen.
"The Shel Talmy Recordings" dokumentiert deshalb eine ungewöhnlich konkrete Übergangsphase: Die Songs gehören zu den letzten Aufnahmen unmittelbar vor der Geburt der öffentlichen Figur David Bowie. Für David Bowie war diese Zeit nicht einfach eine Art musikalisches Vorschulprogramm. Die später so typische Bereitschaft, sich neu zu definieren, beginnt genau hier – nur zunächst deutlich weniger glamourös. Keine orangefarbenen Haare, keine futuristischen Bühnenfiguren und noch keine Diskussion darüber, ob ein neuer Bowie-Look drei Jahre seiner Zeit voraus ist.
Stattdessen steht Davie Jones mit Mundharmonika vor Bands, versucht sich an zeitgemäßem Rhythm & Blues und hört ziemlich genau hin, was in London gerade funktioniert. Wer David Bowie ausschließlich von "Let’s Dance", "Heroes" oder "Ashes To Ashes" kennt, bekommt hier also nicht die Vorstufe eines fertigen Sounds. Man hört einen Musiker bei der Arbeit an der Frage, welcher Musiker er überhaupt sein will.
Am 18. September 2026 veröffentlicht Parlophone "The Shel Talmy Recordings" von David Bowie auf CD, Vinyl und digital. Die CD- und Digitalfassung bringt es auf 22 Stücke, darunter zehn bislang unveröffentlichte Aufnahmen. Die Vinylversion fällt kompakter aus und enthält sechs bisher unveröffentlichte Tracks. Zusätzlich wurden für die Veröffentlichung Aufnahmen neu gemastert beziehungsweise remastert. John Webber übernahm diese Arbeiten 2026.
Damit ist die Platte nicht einfach eine Neuauflage bereits bekannter Singles aus der Frühphase von David Bowie, sondern nach Angaben der offiziellen Bowie-Seite die bislang vollständigste Sammlung der Aufnahmen, die Davie Jones 1965 mit Shel Talmy machte. Das ist ein wichtiger Unterschied. Archive von Künstlern wie David Bowie produzieren inzwischen regelmäßig Deluxe-Ausgaben, Boxsets und alternative Takes, bei denen Fans manchmal zu Recht fragen dürfen, ob Take Nummer sieben wirklich entscheidend anders atmet als Take Nummer sechs.
Bei "The Shel Talmy Recordings" geht es jedoch um bislang fehlende Teile einer vergleichsweise schlecht dokumentierten Phase. Zu den unveröffentlichten Aufnahmen gehören neben alternativen Fassungen auch eigenständige Songs und Demos. Damit verändert die Veröffentlichung zwar nicht plötzlich das Gesamtbild von David Bowie, sie vergrößert aber die Auflösung. Aus dem unscharfen Foto vom erfolglosen jungen Musiker wird ein deutlich detaillierteres Bild.
Dass Shel Talmy im Titel der Sammlung gleichberechtigt neben David Bowie auftaucht, ist kein Marketing-Gag. Shel Talmy war Mitte der 60er eine zentrale Figur der britischen Rockproduktion. Der US-Amerikaner produzierte unter anderem The Kinks bei "You Really Got Me" und arbeitete mit The Who an "My Generation". Als Shel Talmy Ende 1964 auf Davie Jones traf, hatte David Bowie also Zugang zu einem Produzenten, der ziemlich genau dort saß, wo britischer Gitarrenpop gerade Geschwindigkeit aufnahm. Rückblickend wusste Shel Talmy sehr genau, welches Potenzial er bei David Bowie gesehen hatte. 2017 sagte Shel Talmy, er sei überzeugt gewesen, dass David Bowie es schaffen würde; das Problem sei gewesen, dass beide ihrer Zeit ungefähr sechs Jahre voraus gewesen seien: "I thought he absolutely was going to make it."
Zehn der 22 Stücke auf CD und digital waren laut offizieller Ankündigung bislang unveröffentlicht. Bei David Bowie reicht die Spannweite dabei von kompletten Songs über Demos bis zu alternativen Takes. Zu den erstmals offiziell veröffentlichten Titeln gehören unter anderem "I Want Your Love", "Cupid", "Keep Up With The Jones", "Leave Her To Me", "You Gotta Tell Her", "Certain Woman", "Today", "I Live In Dreams" und "I Do Believe I Love You".
Die neue Sammlung macht also nicht einfach bekannte frühe Singles von David Bowie erneut verfügbar, sondern öffnet tatsächlich einen bislang nur teilweise zugänglichen Aufnahmeblock. Mit "Today" hat das Bowie-Team im August einen besonders interessanten Ausschnitt daraus vorab veröffentlicht. Die Demoaufnahme von David Bowie stammt aus dem Jahr 1965 und war zuvor nicht zu hören. Bereits zuvor war "I Want Your Love" als erster Vorgeschmack erschienen.
Beide Aufnahmen sind nützlich, weil sie Davie Jones nicht als verkleidete Frühversion des späteren David Bowie verkaufen. Wer dort schon den vollständig entwickelten Autor von "Life On Mars?" oder "Ashes To Ashes" finden will, muss sehr großzügig interpretieren.
Für Fans klassischer Rockgeschichte steckt in den Sessions außerdem ein ziemlich guter Nebenplot: Jimmy Page ist auf Teilen der Aufnahmen zu hören. 1965 war Jimmy Page noch nicht der Gitarrist von Led Zeppelin, sondern einer der gefragtesten jungen Studiomusiker Londons. Shel Talmy setzte Jimmy Page regelmäßig ein, wenn eine Produktion zusätzliche Schärfe oder eine markante Gitarrenspur brauchte.
Auf Material aus dem Umfeld der Manish Boys, mit denen David Bowie damals arbeitete, treffen damit zwei Musiker aufeinander, deren Namen einige Jahre später ziemlich groß auf Plattencovern stehen sollten. Das Interessante daran ist weniger die berühmte Namenskombination David Bowie plus Jimmy Page als der Zeitpunkt. Niemand saß 1965 im Studio und dachte: Hier treffen gerade der zukünftige Ziggy Stardust und der zukünftige Gitarrist von Led Zeppelin aufeinander, gebt bitte jemandem die historische Kamera.
Jimmy Page war ein Sessiongitarrist, Davie Jones ein Sänger ohne großen kommerziellen Durchbruch, und Shel Talmy der Mann, der versuchte, daraus eine brauchbare Platte zu machen. Im Rückblick wirkt die Besetzung luxuriös. Damals war sie Arbeitsalltag.
Nicky Hopkins ist der zweite Name, bei dem Musikfans aufhorchen dürften. Nicky Hopkins gehörte zu den großen Studiopianisten seiner Generation und spielte im Laufe seiner Karriere unter anderem mit The Rolling Stones, The Beatles, The Who und Jeff Beck.
Auch auf den 1965er Aufnahmen aus dem Umfeld von David Bowie und Shel Talmy ist Nicky Hopkins beteiligt. Die offizielle Bowie-Ankündigung nennt Jimmy Page und Nicky Hopkins ausdrücklich als prominente Mitwirkende der Sessions. Bei Nicky Hopkins gilt allerdings dasselbe wie bei Jimmy Page: Der Reiz besteht nicht darin, aus jedem Takt ein Gipfeltreffen der Popgeschichte zu machen. Spannend ist vielmehr, wie normal diese später legendär wirkende Konstellation damals war.
David Bowie befand sich noch am unteren Ende einer Karriereleiter, Nicky Hopkins wurde als Studioprofi gebucht, und Shel Talmy kombinierte Musiker nach Bedarf. Die Aufnahmen zeigen damit auch, wie durchlässig die Londoner Studioszene der 60er war. Spätere Rockgeschichte entstand dort nicht immer in großen, sorgfältig angekündigten All-Star-Projekten. Manchmal stand der spätere Star schlicht beim nächsten Job mit im Raum.
"The Shel Talmy Recordings" versammelt David Bowie nicht nur als Solosänger. Die Sammlung enthält Material von Davie Jones & The Lower Third, von The Manish Boys sowie Demos von Davie Jones ohne feste Bandzuordnung.
Für das Verständnis der frühen Karriere von David Bowie ist das zentral. Denn Davie Jones war 1965 keineswegs der souveräne Solokünstler, der lediglich auf den richtigen Produzenten wartete. Er wechselte Formationen, orientierte sich an unterschiedlichen musikalischen Szenen und suchte nach einer Konstellation, die funktionierte.
Mit The Manish Boys bewegte sich David Bowie stark im Rhythm-&-Blues-Umfeld. Wenig später arbeitete Davie Jones mit The Lower Third, einer Band, mit der der Sound etwas stärker in Richtung Beat und Mod rückte. Der heutige Blick auf David Bowie macht daraus gern eine lineare Entwicklung: erst R&B, dann Pop, dann "Space Oddity", dann Ziggy Stardust und immer weiter.
So ordentlich verlaufen Musikerkarrieren aber selten. 1965 sieht eher nach Versuchslabor aus. Man hört Einflüsse, die kurzfristig wichtig sind, Ideen, die wieder verschwinden, und Songs, die noch nicht wissen können, welche Richtung David Bowie fünf oder zehn Jahre später einschlägt.
Vielleicht ist das der schönste Hinweis darauf, dass David Bowie diese frühe Phase selbst nicht einfach als peinliche Jugendsünde abgehakt hatte. Mehrere Songs aus der Zusammenarbeit mit Shel Talmy tauchten Jahrzehnte später erneut in seinem Leben auf. "You’ve Got A Habit Of Leaving" und "Baby Loves That Way" nahm David Bowie rund 35 Jahre nach den ursprünglichen Sessions erneut auf.
Die Neuaufnahmen entstanden im Umfeld des Projekts "Toy", für das David Bowie um das Jahr 2000 frühe Songs mit seiner damaligen Band noch einmal einspielte. "Toy" entwickelte sich anschließend zu einer jener typischen David-Bowie-Geschichten, bei denen ein zunächst klar gedachtes Projekt plötzlich ein erstaunlich langes Nachleben bekommt. David Bowie plante die Veröffentlichung ursprünglich zeitnah, wandte sich dann aber neuem Material zu. Das Album erschien erst 2021 offiziell, fünf Jahre nach dem Tod von David Bowie.
Dass David Bowie ausgerechnet zu Liedern wie "You’ve Got A Habit Of Leaving" und "Baby Loves That Way" zurückging, ist deshalb für "The Shel Talmy Recordings" mehr als eine nette Fußnote. Die Verbindung zeigt, dass David Bowie selbst in diesen frühen Versuchen offenbar Material sah, das eine erneute Beschäftigung lohnte. Für Fans der 80er ist diese Schleife besonders interessant. Der David Bowie, der in den 80ern mit "Ashes To Ashes", "Let’s Dance", "China Girl", "Modern Love" oder "Absolute Beginners" längst ein internationaler Superstar war, hatte den suchenden Davie Jones von 1965 nicht komplett hinter sich gelassen.
Natürlich liegen zwischen beiden Welten musikalisch Lichtjahre. Aber die Bereitschaft von David Bowie, ältere Ideen neu anzufassen und den eigenen Katalog nicht als Museum zu behandeln, zieht sich durch seine gesamte Karriere. "Toy" macht diese Verbindung besonders greifbar.
Es wäre verführerisch, "The Shel Talmy Recordings" jetzt als geheimen Ursprung sämtlicher späteren Bowie-Großtaten zu verkaufen. Das Material von David Bowie gibt das nicht her, und genau das macht die Platte glaubwürdiger.
1965 ist Davie Jones ein talentierter, ambitionierter Sänger und Songwriter in einer hart umkämpften Londoner Szene. Manche Ideen sitzen, andere bleiben erstaunlich konventionell. Shel Talmy produziert professionell, Jimmy Page und Nicky Hopkins liefern Klasse, aber niemand hat hier zufällig "Heroes" zwölf Jahre zu früh aufgenommen und vergessen, die Bandmaschine mitzunehmen.
Dafür liefert "The Shel Talmy Recordings" etwas, das bei großen Künstlerbiografien oft verloren geht: Entwicklung ohne nachträglich eingebauten Masterplan. David Bowie musste seinen Stil finden. David Bowie musste kommerzielle Rückschläge wegstecken. David Bowie musste lernen, wann ein Einfluss Inspiration war und wann er lediglich wie die Platten der anderen klang.
Der spätere Ruf als Meister der Neuerfindung wirkt dadurch nicht kleiner, sondern nachvollziehbarer. Neuerfindung setzt schließlich voraus, dass vorher etwas ausprobiert wurde, das nicht automatisch funktioniert.
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