8 Bühnenunfälle der 80er
Als Freddie Mercury 1984 in Hannover stürzte, sang er verletzt weiter. Andere Stars bekamen es auf der Bühne mit Feuer, Nässe, Technik und fliegenden Flaschen zu tun und waren weniger gelassen.
Als Freddie Mercury 1984 in Hannover stürzte, sang er verletzt weiter. Andere Stars bekamen es auf der Bühne mit Feuer, Nässe, Technik und fliegenden Flaschen zu tun und waren weniger gelassen.
Ein falscher Schritt, ein bisschen Regen oder Pyrotechnik, die einige Sekunden zu früh zündet: Für Freddie Mercury und andere Stars der 80er konnte aus einer perfekt durchgeplanten Show innerhalb eines Augenblicks ein medizinischer Notfall werden. Manche spielten trotzdem weiter. Andere mussten abbrechen. Und bei einem der berühmtesten Fälle des Jahrzehnts war sogar eine Fledermaus beteiligt.
Am 22. September 1984 spielte Freddie Mercury mit Queen in der Europahalle in Hannover. 42 Jahre später lohnt sich der Blick zurück nicht nur wegen dieses einen Sturzes. Die acht belegten Fälle zeigen auch, unter welchen Bedingungen große Rock- & Popshows damals produziert wurden: mit immer aufwendigeren Bühnen, spektakulärerer Technik und Künstlern, für die ein Abbruch häufig erst die allerletzte Option war.
Kurz nach "Hammer to Fall" ging Freddie Mercury am 22. September 1984 in Hannover zu Boden und verletzte sich am Bein. Helfer brachten Freddie Mercury zu einem Klavierhocker, während für Queen schnell klar wurde, dass der Abend so nicht wie geplant weitergehen konnte. Trotz der Verletzung brach Freddie Mercury die Show nicht sofort ab. Queen kürzte das Konzert deutlich, während Freddie Mercury unter anderem "Bohemian Rhapsody", "We Will Rock You" und "We Are the Champions" im Sitzen sang. Große Gesten waren in diesem Moment nicht mehr nötig: Dass Freddie Mercury überhaupt noch auf der Bühne blieb, war Aussage genug. Gerade weil der Sturz weder Teil einer Inszenierung noch einer besonders gefährlichen Bühnennummer war, wirkt der Fall bis heute so banal und gleichzeitig nachvollziehbar: Für Freddie Mercury reichte ein unglücklicher Moment, um eine komplette Show aus dem Takt zu bringen.
Bei Ozzy Osbourne war es weniger der Bühnenboden als etwas, das aus dem Publikum auf die Bühne kam. Am 20. Januar 1982 spielte Ozzy Osbourne während der "Diary of a Madman"-Tour in Des Moines im US-Bundesstaat Iowa, als ein Zuschauer eine Fledermaus auf die Bühne warf. Ozzy Osbourne hielt das Tier nach eigener späterer Darstellung für eine Gummiattrappe und biss hinein. Das Problem: Die Fledermaus war echt. Für Ozzy Osbourne endete der bizarre Moment deshalb nicht mit einer gelungenen Rock-'n'-Roll-Pointe, sondern nach der Show im Krankenhaus, wo Ozzy Osbourne vorsorglich gegen Tollwut behandelt wurde. Der Fall ist heute fast untrennbar mit der öffentlichen Figur Ozzy Osbourne verbunden. Dabei geht in der jahrzehntelang immer weiter ausgeschmückten Geschichte leicht unter, dass hinter der grotesken Szene ein tatsächliches Gesundheitsrisiko stand. The Washington Post zeichnete den Vorfall später noch einmal nach. Einen ebenfalls häufig kolportierten Bühnenkollaps von Ozzy Osbourne nach dem Biss nehmen wir dagegen bewusst nicht in diese Geschichte auf, weil sich dieser Teil nicht ähnlich belastbar belegen lässt.
Der Unfall von Michael Jackson am 27. Januar 1984 war kein reguläres Konzert. Trotzdem spielte er sich unter Bedingungen ab, die einer großen Liveshow sehr nahe kamen: Michael Jackson drehte im Shrine Auditorium in Los Angeles vor Publikum einen Pepsi-Werbespot, für den auch Pyrotechnik eingesetzt wurde. Bei einer Aufnahme zündeten die Effekte zu früh und setzten die stark präparierten Haare von Michael Jackson in Brand. Michael Jackson führte seine Choreografie zunächst weiter aus, bevor Helfer eingriffen und die Flammen löschten. Anschließend wurde Michael Jackson mit Verbrennungen zweiten und dritten Grades an der Kopfhaut in eine Klinik gebracht. Bei Michael Jackson zeigt sich besonders drastisch, wie technische Effekte, die eine Show größer machen sollen, bei einem Fehler selbst zum größten Risiko der Produktion werden können.
Auch Prince setzte 1984 auf eine immer aufwendigere Bühnenshow. Für die kommende "Purple Rain"-Tour sollte Prince in einer Badewanne mehrere Meter über die Bühne gefahren werden. Während einer Probe versagte die Konstruktion. Prince stürzte mitsamt der Badewanne auf den Bühnenboden. Der damalige Tourmanager Alan Leeds erinnerte sich später daran, dass Prince aus ungefähr drei bis dreieinhalb Metern Höhe gefallen sei. Die Konsequenz war sehr konkret: Die Badewanne verschwand aus der Show von Prince. Der Unfall von Prince passierte also nicht im spontanen Chaos eines Konzerts, sondern bei einer Probe. Selbst aufwendige Vorbereitung konnte das Risiko neuer mechanischer Bühnenelemente also nicht vollständig beseitigen.
Als Bruce Dickinson am 11. Januar 1985 mit Iron Maiden beim ersten Rock in Rio auftrat, war schlechte Sicht auf der Bühne zunächst gar nicht das Problem. Bruce Dickinson war vielmehr mit dem Bühnensound unzufrieden und ließ den Frust an den Monitoren aus. Beim Herumlaufen auf der Bühne geriet Bruce Dickinson an den Kopf einer Gitarre und zog sich dabei eine stark blutende Platzwunde zu. Bruce Dickinson machte trotzdem weiter. Auf den Bildern des Konzerts ist die Verletzung deutlich zu erkennen, während Iron Maiden den Auftritt fortsetzten. Manager Rod Smallwood bezeichnete die Show später als einen der wichtigsten Auftritte in der Geschichte von Iron Maiden. Für Bruce Dickinson kam zur Verletzung also noch eine besondere mediale Situation hinzu: Der Auftritt wurde in Südamerika einem riesigen Fernsehpublikum gezeigt. Abbrechen oder weitermachen war für Bruce Dickinson damit nicht nur eine medizinische, sondern in Sekunden auch eine professionelle Entscheidung.
Regen gehört bei Open-Air-Konzerten zum Berufsrisiko, doch bei Bono wurde aus schlechtem Wetter am 20. September 1987 ein schmerzhafter Zwischenfall. U2 spielten im RFK Stadium in Washington, als Bono während "Exit" auf der nassen Bühne ausrutschte. Bei dem Sturz kugelte sich Bono die Schulter aus. Trotzdem brachte Bono das Konzert mit U2 zu Ende. Beim Zugabenblock war Bono bereits mit einer Schlinge zu sehen, bevor der Sänger nach der Show ins Krankenhaus gebracht wurde. Der Fall macht einen Widerspruch sichtbar, der sich durch mehrere dieser Geschichten zieht: Eigentlich wäre eine ausgekugelte Schulter ein ziemlich überzeugender Grund, Feierabend zu machen. Für Bono bedeutete eine laufende Stadionshow jedoch offenbar zunächst, einen Weg bis zum Ende des Konzerts zu finden.
Der 27. Mai 1988 war für Sammy Hagar der erste Abend der amerikanischen "Monsters of Rock"-Tour mit Van Halen. Während eines Songs ging Sammy Hagar rückwärts über die Bühne und stürzte auf die Kante einer Metalltreppe. Sammy Hagar zog sich bei dem Sturz eine tiefe Wunde zu und brach sich nach eigener späterer Schilderung das Steißbein. Sammy Hagar beendete das Konzert mit Van Halen trotzdem und fuhr erst danach ins Krankenhaus, wo die Wunde genäht wurde. In einer späteren Rückschau erinnerte sich Sammy Hagar an den blutigen Zwischenfall. Besonders spektakulär klingt ein gebrochenes Steißbein im Vergleich zu brennender Pyrotechnik vielleicht nicht. Für Sammy Hagar dürfte die Unterscheidung während einer kompletten Rockshow allerdings eher akademischer Natur gewesen sein.
Beim Reading Festival am 27. August 1988 kam die Gefahr für Meat Loaf direkt aus dem Publikum. Während des Auftritts flogen immer wieder Flaschen auf die Bühne, bis Meat Loaf die Show zunächst unterbrach. Nach einer Ansprache des Veranstalters kehrte Meat Loaf auf die Bühne zurück. Wirklich lange hielt der Neustart allerdings nicht. Noch bevor Meat Loaf wieder richtig loslegen konnte, traf eine gefüllte Flasche den Sänger im Gesicht und brach Meat Loaf die Nase. Nach rund 20 Minuten war der Auftritt endgültig vorbei. Eine spätere Schilderung des damaligen Starship-Sängers Mickey Thomas beschreibt die Eskalation rund um Meat Loaf. Anders als bei Freddie Mercury, Bono oder Sammy Hagar ging es bei Meat Loaf nicht um einen unglücklichen Schritt oder eine riskante Bühnenkonstruktion. Das Risiko kam aus dem Zuschauerraum – und irgendwann war schlicht keine Show mehr möglich.
Die acht Fälle haben deshalb weniger gemeinsam, als der Begriff Bühnenunfall zunächst vermuten lässt. Bei Freddie Mercury und Bono wurde der Boden zum Problem, bei Michael Jackson die Pyrotechnik, bei Prince eine mechanische Konstruktion. Bruce Dickinson und Sammy Hagar verletzten sich in der Bewegung auf der Bühne, während Ozzy Osbourne und Meat Loaf mit Dingen konfrontiert wurden, die Zuschauer auf die Bühne warfen. Gleichzeitig verbindet Freddie Mercury, Michael Jackson, Prince, Bruce Dickinson, Bono, Sammy Hagar, Ozzy Osbourne und Meat Loaf eine auffällige Reaktion: In erstaunlich vielen Fällen ging die Show zumindest zunächst weiter. Das kann man als Professionalität lesen. Man kann darin aber ebenso die damalige Erwartung erkennen, dass ein Star auf einer großen Bühne möglichst nicht einfach verschwindet, nur weil der Körper gerade sehr überzeugend "Nein" sagt. 42 Jahre nach dem Hannover-Konzert wirkt der Sturz von Freddie Mercury deshalb noch immer bemerkenswert. Nicht weil Stars der 80er grundsätzlich gefährlicher lebten oder härter im Nehmen waren. Sondern weil die dokumentierten Fälle rund um Freddie Mercury und seine Kollegen zeigen, wie schnell aus Entertainment echte Gefahr werden konnte – und wie oft Publikum und Produktion davon erst etwas merkten, wenn es bereits passiert war.
Freddie Mercury im Minirock, mit Schnurrbart und Staubsauger. Plötzlich steht ganz Amerika Kopf. „I Want To Break Free“ wird in Großbritannien gefeiert, von MTV verbannt und in Südamerika zur Hymne gegen Unterdrückung. Wie ein Popsong die Welt spaltete, hört Ihr in dieser Folge.
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