Boy George (2026)
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Boy George (2026)
01.10.2026

Boy George: 40 Jahre unbequem

Mit „No Clause 28“ machte Boy George in den 80s aus persönlicher Betroffenheit offenen politischen Protest. Fast 40 Jahre später sorgt er mit einem pro-israelischen Song wieder für Streit.

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Das Podcast & Musikradio von 80s80s: die wichtigsten Hits der 80s und ihre Geschichten, erzählt von Peter Illmann.


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Warum ist Boy George seit fast 40 Jahren ein unbequemer politischer Popstar?

Andere Popstars aus den 80ern könnten mit 65 Jahren ziemlich entspannt Hits verwalten, Festivalbühnen bespielen und bei „Karma Chameleon“ darauf vertrauen, dass sowieso jeder mitsingt. Boy George entscheidet sich im Sommer 2026 für die kompliziertere Variante: „We Will Dance Again“ vor, auf Hebräisch auch „Od Nirkod“. Der Reggae-Pop-Track bezieht sich auf den Hamas-Angriff auf das Nova-Musikfestival am 7. Oktober 2023 und positioniert sich ausdrücklich solidarisch mit Israel und jüdischen Menschen. Gleichzeitig weist Boy George mit der eröffnenden Zeile „You say genocide, I say war“ die Einordnung des israelischen Vorgehens in Gaza als Genozid zurück. Der Konflikt bleibt bei Boy George nicht auf Social Media. Gegenüber The Telegraph betont Boy George, seine Solidarität mit jüdischen Menschen bedeute weder fehlendes Mitgefühl für Palästinenser noch Zustimmung zu allem, was in Israel geschehe. Genau diese Differenzierung geht in der öffentlichen Auseinandersetzung allerdings schnell unter. „We Will Dance Again“ polarisiert, Boy George zieht sich aus seiner Rolle in der Londoner Produktion von „Jesus Christ Superstar“ zurück, und der Streit erreicht schließlich die Musiker, mit denen Boy George selbst arbeitet.

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Boy George - We Will Dance Again (Music Video)
Boy George - We Will Dance Again (Music Video)

Was riskiert Boy George für „We Will Dance Again“?

Vor wenigen Tagen wurde berichtet, dass Musiker aus der Band von Boy George infrage gestellt hätten, ob sie „We Will Dance Again“ gemeinsam mit Boy George aufführen wollen. Die Antwort ist deutlich: Wer den Song nicht spiele, „will be fired“, erklärt Boy George. Namen nennt Boy George nicht. Deshalb lässt sich bislang auch nicht seriös behaupten, dass die verbliebenen langjährigen Culture Club-Mitglieder Roy Hay oder Mikey Craig die Aufführung verweigern.

Sicher ist nur: Boy George beschreibt einen Konflikt mit Musikern aus seiner Band – und beantwortet den Widerspruch mit einer ziemlich eindeutigen Personalansage. Allerdings ist nicht klar, ob damit seine Solo-Liveband, Musiker des aktuellen Tour-Setups oder tatsächlich Culture Club gemeint sind.

Bemerkenswert ist bei Boy George auch die Rolle künstlicher Intelligenz. Boy George bestätigt, generative KI bei der Entstehung von „We Will Dance Again“ eingesetzt zu haben. Die Texte und die Melodie seien von ihm, zugleich lobt Boy George KI ausdrücklich dafür, menschliche Einmischung zu reduzieren: „Ich brauche da keine Einmischung andere Leute“, sagt Boy George. Ausgerechnet in einem politischen Streit formuliert Boy George damit einen Gedanken, der sich erstaunlich gut durch seine Karriere verfolgen lässt: Andere sollen möglichst wenig darüber bestimmen, welche Botschaft Boy George senden darf.

Auch außerhalb der Band bekommt Boy George Gegenwind. NME berichtet Anfang August, dass Boy George sich von Tony Pontius, dem langjährigen Manager seines Labels Boy George Presents, getrennt habe, nachdem Tony Pontius den Song nicht veröffentlichen wollte.

Wer den heutigen Boy George nur als Musiker kennt, der lautstark politische Positionen verteidigt, könnte annehmen, das sei schon immer so gewesen. Die Geschichte ist interessanter. Als Boy George Anfang der 80er mit Culture Club zum Weltstar wird, ist schon sein Erscheinungsbild gesellschaftlicher Sprengstoff: Make-up, geflochtene Haare, weite Kleidung, eine Inszenierung von Geschlecht, die sich nicht ordentlich in die Schubladen des damaligen Mainstreams legen lässt.

Boy George wird permanent zu seiner Sexualität befragt und spielt öffentlich lange mit Mehrdeutigkeit. Politik entsteht bei Boy George zunächst weniger durch Parteiprogramme als durch die simple Tatsache, dass Millionen Menschen einen Mann sehen, der nicht so aussieht und auftritt, wie ein Popstar-Mann nach damaliger Erwartung auszusehen hatte. Das bedeutet aber nicht, dass Boy George sich automatisch als Teil einer organisierten Schwulenbewegung versteht.

Vor etwas mehr als 40 Jahren gibt er der Gay Times ein Interview. Darin spricht Boy George offener als zuvor über seine Sexualität, bleibt gegenüber Gay Liberation aber ausdrücklich skeptisch. Gay Liberation, sagt Boy George, „bedeutet mir nichts“. Boy George ist zu diesem Zeitpunkt längst eine queere Ikone, ohne sich selbst selbstverständlich als Gay-Rights-Aktivisten zu begreifen.

Sichtbarkeit und Aktivismus sind für Boy George noch zwei verschiedene Dinge. Wer aus heutiger Perspektive auf die 80er schaut, übersieht diesen Unterschied leicht. Ein Star konnte Geschlechternormen maximal provozieren und trotzdem skeptisch darauf reagieren, politisch für eine Bewegung eingespannt zu werden. Bei Boy George lässt sich dieser Widerspruch ungewöhnlich klar dokumentieren.

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Boy George (1988)
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Boy George (1988)

Warum verändert „Clause 28“ alles?

Noch im selben Jahr verschärft sich das politische Klima in Großbritannien. Am 9. Oktober 1987 greift Premierministerin Margaret Thatcher auf dem Parteitag der Conservative Party Schulen an, in denen Kinder ihrer Darstellung nach statt traditioneller Moralvorstellungen lernten, sie hätten ein „unveräußerliches Recht, schwul zu sein“. Schon im Februar hatte Margaret Thatcher vor angeblichen „positive Bilder von Schwulen“ im Unterricht gewarnt. Hinter solchen Formulierungen steckt ein größerer konservativer Kulturkampf um Schule, Sexualität, Familie und die Frage, ob homosexuelle Lebensweisen gesellschaftlich als gleichwertig dargestellt werden dürfen.

Für Boy George wird aus diesem Kulturkampf 1988 konkrete Gesetzgebung. Der Local Government Act erhält am 24. März 1988 Royal Assent; die später berüchtigte Section 28 tritt zwei Monate danach in Kraft. Während des Gesetzgebungsverfahrens wird sie meist Clause 28 genannt – daher der Titel des späteren Songs von Boy George. Das Gesetz untersagt lokalen Behörden, Homosexualität absichtlich zu „fördern“, und verbietet die Förderung von Unterricht, der Homosexualität als akzeptable „als Familie ausgegebene Beziehung“ behandelt. Genau diese Formulierung macht deutlich, dass Boy George es nicht mehr mit einer abstrakten Debatte über Moral zu tun hat.

Ein bestimmtes Modell von Beziehung und Familie wird durch staatliche Sprache ausdrücklich abgewertet. Margaret Thatcher erlässt kein allgemeines Verbot, in Großbritannien über Homosexualität zu sprechen. Das Gesetz richtet sich gegen lokale Behörden und deren Förderung beziehungsweise Publikation entsprechender Inhalte. Gerade die schwammige Formulierung erzeugt jedoch einen erheblichen Abschreckungseffekt. Zehntausende demonstrieren gegen Clause 28.

1988 reagiert Boy George mit „No Clause 28“. Der Song taucht im Juni in den britischen Charts auf und erreicht Platz 57. Ein riesiger kommerzieller Hit ist „No Clause 28“ für Boy George damit nicht – politisch ist die Single dafür umso interessanter. In seiner späteren Autobiografie beschreibt Boy George das Stück als seinen „ersten offen schwuler Song“. Zwischen dem skeptischen Gay Times-Interview und diesem Song liegen kaum anderthalb Jahre. Ausgerechnet Boy George, der Gay Liberation kurz zuvor wenig abgewinnen konnte, ruft jetzt mit einer Single zum Widerstand gegen konkrete Anti-Gay-Gesetzgebung auf.

Das ist wahrscheinlich der entscheidende Wendepunkt, wenn man die politische Biografie von Boy George erzählen will. Mit „No Clause 28“ verändert sich etwas: Die Provokation liegt nicht mehr nur darin, wie Boy George aussieht, lebt oder über Sexualität spricht. Boy George verwendet seine Musik nun ausdrücklich gegen eine konkrete politische Maßnahme. Ganz abgesehen davon ist der Song ein Meilenstein der frühen Rave-Musik in England. Und damit sogar ein Vorläufer der späteren Techno-Bewegung.

Ganz so einfach wäre die Geschichte von Boy George allerdings zu hübsch. Schon 1984 veröffentlicht Culture Club mit Boy George „The War Song“, einen demonstrativ pazifistischen Song. Der Track erreicht in Großbritannien Platz zwei und gehört zu den großen Hits der Band. Boy George hatte also durchaus politische Themen in seiner Musik, lange bevor Clause 28 Gesetz wurde. Der Unterschied liegt im Gegenstand: „The War Song“ formuliert eine allgemeine Antikriegshaltung. „No Clause 28“ reagiert dagegen auf eine konkrete innenpolitische Maßnahme, die Homosexualität, Schule und gesellschaftliche Anerkennung direkt miteinander verknüpft. Seine Positionen haben sich verändert, und nicht jede Äußerung von Boy George passt bequem zu der nächsten.

Genau darin liegt der interessantere rote Faden: Boy George scheint besonders zuverlässig dann laut zu werden, wenn Boy George den Eindruck bekommt, andere wollten darüber entscheiden, was er sagen, singen oder darstellen darf. Das macht Boy George nicht automatisch zum Helden jeder Debatte. Unbequem zu sein und recht zu haben sind schließlich zwei unterschiedliche Qualifikationen. 1988 richtet sich Boy George gegen eine gesetzliche Einschränkung queerer Sichtbarkeit durch staatliche Institutionen. 2026 ist die Machtverteilung eine andere: Boy George ist selbst Arbeitgeber beziehungsweise Bandleader und kündigt an, Musiker zu entlassen, wenn sie einen politisch umstrittenen Song nicht gemeinsam mit ihm aufführen wollen.

Was verbindet 1988 und 2026?

Die politischen Positionen von Boy George in „No Clause 28“ und „We Will Dance Again“ sollte niemand gleichsetzen. 1988 kämpft Boy George gegen ein britisches Gesetz, das homosexuelle Lebensweisen ausdrücklich zum Gegenstand staatlicher Restriktion macht. 2026 positioniert sich Boy George in einem der polarisiertesten internationalen Konflikte der Gegenwart und stößt damit auch bei anderen Musikern auf Widerstand. Das sind unterschiedliche Themen, unterschiedliche Machtverhältnisse und unterschiedliche moralische Fragen. Der Inhalt hat sich verändert. Die Bereitschaft zum Konflikt ist geblieben.

Boy George ist interessant, weil „unbequem“ bei Boy George keine Auszeichnung für automatisch richtige Positionen ist. Es ist eher eine Arbeitsweise. Man kann Boy George 1988 zustimmen und Boy George 2026 widersprechen – oder umgekehrt. Nur mit einer Sache sollte nach fast 40 Jahren niemand mehr rechnen: dass Boy George sich ausgerechnet jetzt noch bequem einordnen lässt.

Culture Club - Karma Chameleon (Official Video)

Culture Club - Karma Chameleon (Official Video)
Culture Club - Karma Chameleon (Official Video)
Folge 217 | 15.06.2026 | 6:56

Culture Club - Karma Chameleon

Ein Welthit, den der Rest von Culture Club zuerst gar nicht wollte. Boy George hat Karma Chameleon im Urlaub in Ägypten geschrieben – und kämpft später so hart dafür, dass er sogar mit Ausstieg droht. Warum daraus trotzdem der größte Hit der Band wird … hört ihr in dieser Folge.

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