MTV Rewind: Musikvideos wie früher
MTV hat zum Jahreswechsel viele reine Musikvideo-Kanäle abgeschaltet und das Internet reagiert mit einer DIY-Lösung, die verdächtig viel Spaß macht.
MTV hat zum Jahreswechsel viele reine Musikvideo-Kanäle abgeschaltet und das Internet reagiert mit einer DIY-Lösung, die verdächtig viel Spaß macht.
Das Podcast & Musikradio von 80s80s: die wichtigsten Hits der 80s und ihre Geschichten, erzählt von Peter Illmann.
Es gibt diese Art von Fernsehmoment, die man nie geplant hat. Man stolpert rein, bleibt hängen und plötzlich sind zwei Stunden weg. Genau so hat sich MTV jahrzehntelang angefühlt: Du wolltest eigentlich nur kurz einen Clip sehen und dann warst du mitten in einer Kette aus Videos, Moderationen, Sound und Popkultur-Überdosis. Dass MTV ausgerechnet seine 24/7-Musikvideo-Spartenkanäle in mehreren Ländern zum 31. Dezember 2025 eingestellt hat, fühlt sich deshalb nicht nur nach Programmänderung an, sondern nach einem Kapitelende. Aber im Netz gibt’s jetzt ziemlich schnell eine Alternative: MTV Rewind.
MTV Rewind ist ein unabhängiger Web-Player, der Musikvideos „wie Fernsehen“ abspielt: Man drückt Play, und dann läuft ein endloser Stream, inklusive Zappen vor und zurück, aber ohne dass man sich den nächsten Clip selbst aussucht.
Der Claim auf der Seite ist bewusst oldschool: „No ads, no algorithm, no login, just pure random discovery.“ MTV Rewind funktioniert über eingebettete Videos von YouTube und nutzt Daten der Internet Music Video Database (IMVDb), also kein offizielles MTV-Produkt, sondern Fan-Architektur mit MTV-Gefühl.
Der zeitliche Kontext ist kein Zufall: Zum Jahreswechsel 2025/2026 verschwanden gleich mehrere MTV-Kanäle, die tatsächlich noch konsequent Musikvideos liefen ließen. Dazu gehörten unter anderem MTV 80s, MTV 90s, MTV Music, Club MTV und MTV Live. MTV selbst bleibt als Marke natürlich am Start, aber im TV-Alltag dominieren seit Jahren Reality-Formate.
Wer sich also nach „Musikfernsehen“ im engeren Sinn sehnt, hatte zuletzt immer weniger Gründe, überhaupt noch reinzuschalten. MTV Rewind füllt genau diese Lücke.
Das Spannende ist nicht nur die Menge an Videos, sondern die kuratierte Illusion: Du kannst nach Jahrzehnten filtern, du kannst dich in alte Markenwelten klicken, etwa „Yo! MTV Raps“ oder „Headbangers Ball“, oder du lässt den Zufall entscheiden und bekommst diese herrlich unkontrollierte Mischung, die früher einfach „Programm“ hieß. Auch die kleinen Spielereien sind genau die Sorte Nerd-Service, die Fanprojekte oft besser können als große Medienhäuser: Wer dreimal auf das MTV-Logo klickt, kann Videos speichern und über einen Klick wieder abrufen. Dieses Feature wirkt wie ein digitaler Videorekorder.
Um zu verstehen, warum so ein Projekt emotional so gut funktioniert, hilft ein Blick zurück: Als MTV am 1. August 1981 kurz nach Mitternacht in den USA startete, war das kein Kulturknall, sondern eher ein technisches Experiment.
Nur rund 800.000 Haushalte konnten den Sender überhaupt empfangen, oft außerhalb der großen Metropolen. Der erste Clip war „Video Killed The Radio Star“ von The Buggles. Der Song ist heute legendär, damals war es eher ein Zufallstreffer im Nachtprogramm.
Die große Wucht kam erst später, als MTV verstanden hatte, dass Reichweite nicht vom Himmel fällt, sondern aus Nervigkeit geboren wird: „I Want My MTV“. Teenager sollten ihre Kabelanbieter so lange bearbeiten, bis MTV im Netz landet. Das war Marketing als Massenbewegung und es funktionierte.
In den frühen 80ern war MTV vor allem eins: rocklastig und extrem einseitig. Der Sender spielte überproportional Videos weißer Acts, während Black Artists selten vorkamen, obwohl Funk, Soul, R&B und die aufkommende HipHop-Kultur längst das nächste Kapitel der Popmusik schrieben.
Für viele Künstler war das nicht nur eine Frage der Ehre, sondern harte Ökonomie: Musikfernsehen konnte Verkäufe pushen, Radio-Airplay verändern, Karrieren beschleunigen.
Wenn du nicht liefst, fehlte dir ein Motor. MTV hatte einen massiven Einfluss darauf, was „Mainstream“ überhaupt sein durfte. Und genau an dieser Stelle kommt David Bowie ins Spiel.
Nach dieser Phase veränderte MTV seine Programmfarbe deutlich. In vielen Rückblicken wird erzählt, Michael Jackson habe MTV in den 80ern „umgefärbt“, weil Videos wie „Billie Jean“ oder später „Thriller“ so stark waren, dass MTV gar nicht mehr an ihnen vorbei konnte. Das stimmt – aber es erzählt die Geschichte nur halb. Denn ohne den Druck, den David Bowie öffentlich aufgebaut hatte, wäre MTV vermutlich noch länger in seiner Komfortzone geblieben.
Der Bruch kam nicht über Nacht, aber er war logisch: Musikvideos wanderten dahin, wo Menschen ohnehin schon sind – auf Plattformen wie YouTube, TikTok oder Instagram. Während MTV früher die zentrale Bühne war, wurde MTV später zu einer Marke, die ihre Reichweite vor allem über Reality-TV und Eventformate stabilisierte. In UK und Europa verschwanden Musikvideo-Spartenkanäle, während der Hauptsender im TV-Programm längst andere Prioritäten hat.
Für 80s-Fans ist MTV Rewind nicht nur Nostalgie, sondern ein ziemlich eleganter Trick, um Musik wieder anders zu entdecken. Ein kleines Denkmal für eine Zeit, in der ein einzelner Sender Musikindustrie tatsächlich bewegen konnte.
Die Ironie: Während MTV seine Musikvideo-Kanäle abschaltet, ist ausgerechnet ein Fanprojekt die wahrscheinlich authentischste MTV-Erfahrung der Gegenwart. Wer sich also mal wieder fühlen will, als wäre es 1986, aber ohne Röhren-TV ...
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