Der Hit über ein verschwundenes Paradies
Im Januar 1989 kehrten die Four Tops mit „Loco in Acapulco“ in die deutschen Charts zurück. Fast vier Jahrzehnte später wirkt der Song von Phil Collins wie eine Postkarte aus einer versunkenen Welt.
Im Januar 1989 kehrten die Four Tops mit „Loco in Acapulco“ in die deutschen Charts zurück. Fast vier Jahrzehnte später wirkt der Song von Phil Collins wie eine Postkarte aus einer versunkenen Welt.
Es gibt Songs, die sofort eine kleine Welt aufreißen, und genau so fühlt sich der Moment an, in dem „Loco in Acapulco“ losgeht. Diese übermütigen Bläser, der warme Groove, die Strahlkraft in der Stimme von Levi Stubbs – alles klingt nach Leichtigkeit, Sonne, nach einem Ort, an dem Menschen tanzen und vergessen, was sie belastet. Als die Four Tops im Januar 1989 mit genau diesem Song in die deutschen Charts einsteigen, wirkt das wie ein kleines Wunder. Die Band hatte ihre größte Zeit eigentlich hinter sich. Doch plötzlich steht eine Soulgruppe aus Detroit wieder im Rampenlicht, und zwar mit einem Song, der wie ein Kurzurlaub aus dem Radio rauscht. Damals konnte niemand ahnen, wie sehr sich die Welt hinter dem Titel verändern würde.
Phil Collins war 1988 nicht nur einer der größten Popstars des Planeten, sondern auch ein Mann, der sich privat tief mit Soulmusik beschäftigte und eine besondere Verehrung für Motown hegte.
Als Phil Collins die Rolle des Buster Edwards für den Film „Buster“ annahm, ging es für ihn plötzlich nicht mehr nur um Schauspielerei. Der Soundtrack war ihm genauso wichtig, und er wollte Musik, die diese merkwürdige Mischung aus Nostalgie, Humor und dramatischer Spannung tragen konnte. In dieser Phase entstand die Idee, die Four Tops einzubinden. Dass Phil Collins mit einer der bekanntesten Soulgruppen aller Zeiten arbeiten würde, war kein Zufall. Er suchte einen warmen, menschlichen Klang, der sich nicht wie kalkulierte 80s-Perfektion anfühlt, sondern wie ein Lied aus einer längst anderen Welt. Dass die Four Tops damals nicht mehr in den Charts präsent waren, störte Phil Collins nicht. Im Gegenteil: Es reizte ihn, ihnen noch einmal eine große Bühne zu bauen.
Die musikalische Verbindung entstand gemeinsam mit Lamont Dozier, einem der großen Architekten des Motown-Sounds. Phil Collins arbeitete eng mit ihm zusammen, und aus dieser Begegnung wuchs ein Song, der alt und neu zugleich klingen sollte. „Loco in Acapulco“ ist ein Stück, das bewusst an die Hit-Phase der Four Tops erinnert, aber mit dem Tempo einer 80er-Produktion arbeitet. Es ist kein nostalgisches Abstauben, sondern ein Versuch, eine Legende zu reaktivieren. Als die Four Tops das Demo hörte, war Levi Stubbs sofort Feuer und Flamme. Er interpretierte den Song mit einer Energie, die er zuletzt in den frühen Siebzigern so gezeigt hatte. Phil Collins selbst taucht stimmlich nicht auf, aber seine Handschrift ist überall hörbar.
Parallel stand Phil Collins am Filmset von „Buster“. Es war eine surreale Zeit, denn er lebte zwei Rollen gleichzeitig. Die eine war die des Schauspielers, der die Geschichte eines realen Kriminellen wiedergibt. Die andere war die des Musikers, der versucht, der emotionalen Wahrheit des Films eine klangliche Sprache zu geben.
„Two Hearts“, ebenfalls aus seiner Feder, lief als großer Hit schon im Radio, während die Dreharbeiten liefen. In dieser Energie entstand auch „Loco in Acapulco“, und die Four Tops waren das fehlende Puzzleteil, das der Soundtrack brauchte.
Die Kombination aus Film, Soul und Pop führte dazu, dass die Musik nicht einfach nur Begleitmaterial war. Sie erzählte etwas über Sehnsucht, über ein Leben zwischen Hoffnung und Abgrund. Phil Collins hatte mit diesem Projekt mehr geschaffen als eine Filmmusik. Er hatte einen Moment der Wiedergeburt für die Four Tops ermöglicht.
Das Acapulco im Song ist ein Ort, an dem Menschen lachen, trinken, tanzen und sich gehen lassen. Ein Ort, an dem die Welt bunt ist, voller Sonne.
In der Popgeschichte hatte Acapulco lange genau diese Funktion. Es war ein glamouröses Refugium, in dem Liz Taylor, Frank Sinatra, Elvis Presley und andere Jetset-Ikonen der 60er ihre Ferien verbrachten.
Für viele war Acapulco der Sehnsuchtsraum schlechthin, eine Mischung aus Tropenmagie und Hollywood-Glitzer, die im kollektiven Gedächtnis der westlichen Popkultur tief verankert war.
Als die Four Tops diesen Ort 1988 besangen, war er schon nicht mehr ganz auf dem Höhepunkt. Aber niemand hätte erwartet, wie stark sich die Realität in den folgenden Jahrzehnten verdunkeln würde.
Der Song trägt deshalb heute eine Ironie in sich: Er feiert ein Paradies, das sich in ein völlig anderes, viel gefährlicheres Umfeld verwandelt hat.
Acapulco war einst eines der schillerndsten Reiseziele der westlichen Welt. Der Hafen, die Buchten, die ikonischen Hotels wie das El Mirador oder das Las Brisas, die spektakulären Klippenspringer und das mondäne Nachtleben machten die Stadt jahrzehntelang zu einem Dreh- und Angelpunkt internationaler Aufmerksamkeit.
Doch ab den späten 80ern begann sich das Bild zu ändern. Ein komplexes Zusammenspiel aus Wirtschaftskrise, politischer Instabilität und wachsendem Einfluss organisierter Kriminalität führte dazu, dass der Glanz schleichend verblasste. Die Touristenzahlen gingen zurück, während sich erste kriminelle Gruppen im Bundesstaat Guerrero ausbreiteten.
Anfangs wirkte das wie eine regionale Episode, die die berühmten Strandzonen kaum berührte. Doch das war nur die Ruhe vor dem Sturm. In den 2000er-Jahren befand sich die Stadt in einem wachsenden Spannungsfeld aus Drogenhandel, territorialen Konflikten und Korruption. Das öffentliche Leben veränderte sich spürbar. Während in den 70ern Promis auf den Yachten lagen und Champagner tranken, tauchten nun Berichte über Entführungen und Schutzgelderpressungen auf. Acapulco geriet in eine Spirale, in der der alte Mythos immer stärker erodierte.
Je weiter die 2010er voranschritten, desto stärker verschärfte sich die Situation. Gewalt wurde alltäglich, und viele Bewohner lebten in einem Zustand permanenter Unsicherheit. Für Touristinnen und Touristen wurde die Stadt zunehmend zum Risiko, denn die Konflikte griffen auf immer mehr Viertel über. Die alten Vergnügungsmeilen wurden verlassen, viele Hotels schlossen oder kämpften ums Überleben.
Während die Sonne weiterhin über den ikonischen Buchten unterging, erzählte die Realität längst eine andere Geschichte. In manchen Jahren verzeichnete Acapulco eine der höchsten Mordraten der gesamten westlichen Hemisphäre. Die wirtschaftlichen Folgen waren dramatisch. Firmen zogen sich zurück, Arbeitsplätze verschwanden, ganze Stadtteile verarmten.
Die einstige Perle an der Pazifikküste hatte mit Bildern zu kämpfen, die dem berühmten Glamour völlig widersprachen. Die Erzählung über Acapulco verschob sich tiefgreifend. Wo früher Jetset, Postkartenmotive und Filmkulissen dominierten, bestimmten nun Berichte über Banden, Machtvakuum und fragilen Alltag die internationale Wahrnehmung. Die Stadt wurde zu einem tragischen Beispiel dafür, wie schnell ein Mythos kippen kann, wenn gesellschaftliche Strukturen zerfallen.
Acapulco zählt inzwischen zu den gefährlichsten Städten Mexikos. Der Kriminalitätsindex liegt laut aktuellen Bewertungen bei über 67 von 100 Punkten, der Sicherheitsindex damit bei lediglich 32 — viele Einwohner und Besucher schätzen die Lage als „sehr unsicher“ ein.
Die Gewaltentwicklung ist drastisch: Im Jahr 2024 verzeichnete der Bundesstaat Guerrero, zu dem Acapulco gehört, 1.637 Morde — so viele wie seit Jahren nicht mehr. 2025 entfielen laut lokalen Medien 38,5 Prozent aller Morde im Bundesstaat auf Acapulco allein.
Die eskalierende Kriminalität hat massive wirtschaftliche Konsequenzen: Zahlreiche große Unternehmen — darunter Lebensmittelkonzerne und Zulieferer — haben ihre Aktivitäten in der Region 2025 vorübergehend eingestellt, nachdem mehrere Mitarbeiter Opfer bewaffneter Attentate wurden.
Mit dem Abstand von fast vier Jahrzehnten zeigt sich, wie Popmusik funktioniert, wenn sie an reale Orte geknüpft ist. Sie hält Erinnerungen fest, die irgendwann nur noch in Songs existieren. So ist es auch mit „Loco in Acapulco“. Der Titel suggeriert Lebensfreude, aber wer heute an Acapulco denkt, hat ein völlig anderes Bild vor Augen. Dieser Bruch macht den Song zu einem Zeitdokument. Er erzählt nicht nur vom Kinojahr 1988 oder vom Comeback einer Soulband. Er konserviert ein Lebensgefühl, das verloren gegangen ist. Genau deshalb ist der Chart-Einstieg der Four Tops im Januar 1989 heute mehr als nur eine kleine Anekdote. Er markiert einen Moment, in dem eine legendäre Band, ein prominenter Fan und ein verlorenes Paradies kurzzeitig dieselbe Frequenz trafen. Für Levi Stubbs, Abdul Fakir, Lawrence Payton und Renaldo Benson war es ein spätes Aufflackern ihrer großen Geschichte. Für Phil Collins war es ein Herzensprojekt, das musikalische Brücken zwischen Epochen schlug. Und für uns heute ist es ein Blick zurück in eine Zeit, in der Acapulco noch das strahlende Versprechen eines unbeschwerten Lebens war.
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