Jimmy Nail ist wieder da
Er wollte sich längst aus dem Geschäft zurückziehen. Nun steht der Sänger und Schauspieler Jimmy Nail wieder auf britischen Bühnen & die Nachfrage ist deutlich größer, als er offenbar selbst erwartet
Er wollte sich längst aus dem Geschäft zurückziehen. Nun steht der Sänger und Schauspieler Jimmy Nail wieder auf britischen Bühnen & die Nachfrage ist deutlich größer, als er offenbar selbst erwartet
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Jimmy Nail ist im Herbst 2026 mit dem Programm "Stories and Songs" unterwegs. Die Tour führt Jimmy Nail durch kleinere Theater und Konzerthäuser in England, Schottland und Wales. Auf dem Spielplan stehen keine Arenen, sondern bewusst überschaubare Säle, in denen Musik, Erzählungen und Bilder aus mehreren Jahrzehnten Karriere miteinander verbunden werden.
Nach Angaben der offiziellen Tourveranstalter soll Jimmy Nail dabei nicht einfach eine Reihe alter Hits abarbeiten. "Stories and Songs" wird als persönlicher Abend beschrieben, an dem Jimmy Nail Erinnerungen, selten gezeigte Aufnahmen und ausgewählte Lieder präsentiert. Der Veranstalter verspricht "candid anecdotes, moments of reflection" – also offene Anekdoten und nachdenkliche Momente. Dass dieses Konzept funktioniert, lässt sich bereits am Ticketverkauf ablesen. Zahlreiche Termine von Jimmy Nail waren frühzeitig ausverkauft, für mehrere Städte wurden zusätzliche Shows angekündigt. In Gateshead, nur wenige Kilometer von Jimmy Nails Heimatstadt Newcastle upon Tyne entfernt, stehen im Oktober gleich mehrere Vorstellungen auf dem Programm. Auch dort waren die zunächst angesetzten Abende schnell vergriffen.
Ganz weg war Jimmy Nail nie. Aber zwischen einzelnen Bühnenauftritten, Benefizveranstaltungen und Theaterprojekten lagen teilweise viele Jahre. Der Eindruck eines vollständigen Rückzugs entstand auch deshalb, weil Jimmy Nail in den 1980ern ungewöhnlich präsent gewesen war: als Fernsehschauspieler, Musiker, Autor, Produzent und zeitweise sogar als einer der bekanntesten Männer des britischen Unterhaltungsfernsehens. Diese Mehrfachkarriere machte Jimmy Nail erfolgreich, aber sie schuf auch ein Problem. Wer Jimmy Nail nur aus den Charts kannte, hielt ihn für einen Sänger, der gelegentlich Schauspielrollen übernahm. Wer Jimmy Nail aus britischen Serien kannte, betrachtete seine Musik möglicherweise als Nebenprojekt eines populären Fernsehdarstellers. Tatsächlich betrieb Jimmy Nail beide Karrieren über Jahre mit erheblichem Aufwand und entwickelte eigene Fernsehstoffe, statt lediglich vor der Kamera zu stehen.
Ab Mitte der 2000er-Jahre zog sich Jimmy Nail zunehmend aus der regelmäßigen Öffentlichkeit zurück. Jimmy Nail sagte 2026 mit trockenem Humor, er versuche im Grunde schon seit 2005, in Rente zu gehen, bekomme es aber offenbar nicht richtig hin.
Geboren wurde Jimmy Nail am 16. März 1954 in Newcastle upon Tyne als James Michael Aloysius Bradford. Jimmy Nail wuchs in einer Arbeiterfamilie im Nordosten Englands auf. Sein Vater arbeitete auf einer Werft, spielte Fußball und boxte. Das industrielle Newcastle, seine sozialen Spannungen und der harte lokale Humor prägten später viele Figuren und Geschichten, an denen Jimmy Nail beteiligt war.
Der Weg von Jimmy Nail ins Fernsehen war alles andere als geplant. Anfang der 1980er-Jahre nahm Jimmy Nail an einem Casting für die Serie „Auf Wiedersehen, Pet“ teil, obwohl er keine professionelle Schauspielausbildung und praktisch keine Erfahrung vor der Kamera hatte. Jimmy Nail bekam die Rolle des Maurers Leonard "Oz" Osborne. Als „Auf Wiedersehen, Pet“ 1983 im britischen Fernsehen startete, wurde die Serie zu einem großen Erfolg.
Der Erfolg veränderte das Leben von Jimmy Nail schlagartig. Aus einem Musiker der lokalen Szene wurde ein national bekannter Schauspieler. Jimmy Nail hatte dabei einen Vorteil, den keine Schauspielschule vermitteln konnte: Er kannte das Milieu, die Sprache und die Typen, von denen die Serie erzählte.
Musik war für Jimmy Nail kein nachträgliches Prominentenhobby. Bereits vor seiner Fernsehkarriere hatte Jimmy Nail in Newcastle als Sänger gearbeitet. Unter anderem gehörte Jimmy Nail zur lokalen Band The King Crabs, die auch als The Crabs bekannt war. Die Auftritte waren eher rau als elegant, und Jimmy Nail entwickelte schon damals eine Bühnenpräsenz, die nicht auf klassische Popstar-Schönheit angewiesen war. 1985 veröffentlichte Jimmy Nail seine Version von "Love Don’t Live Here Anymore". Der Song war keine Eigenkomposition von Jimmy Nail, sondern stammte aus dem Repertoire von Rose Royce. Das Original war 1978 erschienen und von der Sängerin Gwen Dickey geprägt worden. Jimmy Nail machte daraus keine bloße Kopie, sondern setzte auf eine dunklere, schwerere Interpretation. "Love Don’t Live Here Anymore" erreichte mit Jimmy Nail Platz 3 der britischen Singlecharts. Elf Wochen hielt sich Jimmy Nail damit in den Top 75, sechs Wochen davon in den Top 10.
Der Erfolg war bemerkenswert, weil Jimmy Nail nicht dem gängigen Bild eines Popstars entsprach. Er kam nicht aus einer gecasteten Band, hatte kein sorgfältig konstruiertes Teenagerimage und sah eher so aus, als würde er den Türsteher nach Feierabend nach Hause schicken. Für Jimmy Nail wurde der Hit allerdings nicht sofort zum Beginn einer konstanten Musikkarriere. Nach dem ersten großen Charterfolg konzentrierte sich Jimmy Nail erneut stärker auf die Schauspielerei. Erst 1992 gelang ihm die noch größere Rückkehr in die britischen Charts. 1992 veröffentlichte Jimmy Nail "Ain’t No Doubt". Der Song wurde von Jimmy Nail, Danny Schogger, Guy Pratt und Charlie Dore geschrieben und erreichte Platz eins der britischen Charts. Drei Wochen blieb Jimmy Nail an der Spitze.
Ein sichtbarer Bruch ereignete sich rund um das Musical „The Last Ship“ von Sting. Jimmy Nail hatte bereits 2014 in der Broadway-Produktion mitgewirkt. Das Musical erzählte von einer bedrohten Werftgemeinde im Nordosten Englands und lag damit thematisch nahe an der Biografie von Jimmy Nail und Sting, die beide aus der Region Newcastle stammen. Die Broadway-Produktion kämpfte jedoch mit schwachen Ticketverkäufen. Sting übernahm schließlich selbst die Rolle von Jimmy Nail, um zusätzliches Publikum anzuziehen. Die Maßnahme konnte das Musical nicht dauerhaft retten; „The Last Ship“ wurde nach einer vergleichsweise kurzen Laufzeit geschlossen. Für Jimmy Nail dürfte die Situation kaum angenehm gewesen sein: Der prominente Komponist ersetzte den prominenten Hauptdarsteller, um dessen Show zu stabilisieren.
Die aktuelle Tour von Jimmy Nail kam nicht aus dem Nichts. Bereits 2024 stand Jimmy Nail in Newcastle wieder stärker im Mittelpunkt. Im Live Theatre wurde mit "Seconds Away!" ein von Jimmy Nail entwickeltes Theaterprojekt präsentiert. Das Stück entstand gemeinsam mit Ian La Frenais; Jimmy Nail schrieb Musik und Texte und übernahm die Hauptrolle. Ebenfalls 2024 beteiligte sich Jimmy Nail an Veranstaltungen zum 40. Jubiläum von „Auf Wiedersehen, Pet“. Gemeinsam mit früheren Kollegen blickte Jimmy Nail auf die Serie zurück, die seine Karriere ausgelöst hatte. Solche Auftritte waren mehr als reine Nostalgietermine. Jimmy Nail testete offenbar, ob das Publikum noch Interesse an seinen Geschichten, seinen Figuren und seiner Musik hatte. Die Antwort fiel ziemlich eindeutig aus. Ende 2025 kehrte Jimmy Nail für eine Reihe von Shows an das Live Theatre in Newcastle zurück. Der ursprünglich kürzere Lauf wurde wegen der Nachfrage verlängert; insgesamt wurden 19 ausverkaufte Vorstellungen gemeldet. Für Jimmy Nail war das ein überschaubares Heimspiel – aber eines, das zeigte, dass aus Erinnerung noch immer echte Nachfrage werden konnte.
Aus diesen Abenden entwickelte Jimmy Nail das größere Programm "Stories and Songs". Der Unterschied ist wichtig: Jimmy Nail spielt 2026 nicht nur die Musik einer bestimmten Serie, sondern blickt auf seine gesamte Laufbahn zurück. Dazu gehören Hits, Fernseherfolge, Theaterarbeit, Newcastle und vermutlich auch einige Entscheidungen, die Jimmy Nail heute anders bewertet als vor 30 Jahren.
"Stories and Songs" ist weder ein klassisches Rockkonzert noch eine übliche Lesung. Jimmy Nail verbindet gesprochene Passagen mit Musik und Bildern. Unterstützt wird Jimmy Nail dabei von dem Musiker und langjährigen Weggefährten Tony Davis. Die kleineren Veranstaltungsorte passen zum Konzept, weil Jimmy Nail keine Distanz zwischen Bühne und Publikum aufbauen muss.
Das Programm erlaubt Jimmy Nail außerdem, seine Karriere selbst zu erzählen. Das ist für einen Künstler interessant, über den jahrelang vor allem andere gesprochen haben. Jimmy Nail wurde als schwieriger Charakter, überraschender Popstar oder verschwundener Fernsehliebling beschrieben. Auf der aktuellen Tour kann Jimmy Nail diese Etiketten kommentieren, korrigieren oder auch einfach stehen lassen. Die Nachfrage zeigt, dass viele Fans Jimmy Nail nicht nur wegen eines einzelnen Hits sehen wollen. Viele Termine im Oktober und November 2026 sind ausverkauft. Zusatzshows wurden unter anderem in Greenwich, Shrewsbury, Middlesbrough und Gateshead angesetzt. Jimmy Nail spielt damit keine gigantische Tour, aber eine erstaunlich umfangreiche Serie von Abenden für jemanden, der angeblich seit mehr als 20 Jahren an seiner Pensionierung arbeitet.
Deutsche Termine sind bislang nicht angekündigt. Für die meisten Fans von Jimmy Nail dürfte die Tour ohnehin weniger ein spontaner Reisehinweis als eine Nachricht über seinen heutigen Status sein. Jimmy Nail lebt zurückgezogen, ist aber keineswegs verschwunden. Er entscheidet offenbar nur genauer als früher, wann und in welchem Rahmen er öffentlich auftritt.
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