The Call melden sich zurück
The Call zeigen mit neu veröffentlichten Remasters wie knapp die Band am großen Durchbruch vorbeischrammte. Welche Rolle der eingeölte Saxofon-Bodybuilder Tim Cappello dabei spielt, überrascht viele.
The Call zeigen mit neu veröffentlichten Remasters wie knapp die Band am großen Durchbruch vorbeischrammte. Welche Rolle der eingeölte Saxofon-Bodybuilder Tim Cappello dabei spielt, überrascht viele.
Es gibt Bands aus den 80ern, die wie plötzlich wieder aus dem Schatten treten – obwohl sie dort eigentlich nie hingehört hätten. Im Zentrum des aktuellen Interesses steht entsprechend die Entscheidung von The Call, ihre originalen Singles der Alben „Reconciled“ und „Into The Woods“ erstmals mit dem ursprünglichen Artwork und den damaligen Song-Konfigurationen digital zugänglich zu machen. Die Band hat die Stücke sorgsam remastert. Dass die Songs nun offiziell auf Spotify, YouTube Music und weiteren Diensten verfügbar sind, macht aus einem bislang verstreuten Vinyl-Erbe plötzlich einen zusammenhängenden Katalog.
Michael Been ist mehr als einfach nur der Frontmann von The Call. Er war ein rastloser Songwriter, ein politischer Kopf und ein Sänger, der seine Botschaften nicht performte, sondern lebte. The Call formten aus New Wave, Alternative Rock und einer Southern Rock einen Sound, der sich nicht klar in die damaligen Radiostrukturen pressen ließ. Auch weil die Texte einen Tick zu politisch für den Mainstream waren.
Und dann ist da natürlich dieser Moment, an den sich 80er-Fans schmunzelnd zurückerinnern. Tim Cappello, der muskelbepackte, eingeölte Saxofonist im Kultfilm „The Lost Boys“. In „The Lost Boys“, einem der prägendsten Jugend- und Horrorfilme der späten 80er, gibt es eine kurze, aber zentrale Konzertszene am Strand. Dort steht Tim Cappello auf der Bühne, oberkörperfrei, mit Kette, starkem Körperbau und einem Saxofon, das er kraftvoll spielt. Starker Körperbau? Ja, Tim Cappello singt und spielt Saxofon. Aber er ist auch Bodybuilder.
Von 1984 bis 1999 war er ein Mitglied von Tina Turners Band. Für die Mukki-Bude hat er dennoch immer Zeit gefunden. Und dann hatte er noch diese kurze Solo-Karriere: „I Still Believe“. Ein tragender Song für den Soundtrack. Das Stück stammt im Original aber von Michael Been und The Call, und die spätere Live-Version der Band gehört bis heute zu ihren prägnantesten Aufnahmen.
„I Still Believe“ zwischen Sekten-Drama und 80s-Kult: Warum „Waco“ gerade The Call wieder triggert.
Und dann kommt noch dieser gerade ziemlich wirksame Serien-Aufhänger dazu: In der Miniserie „Waco“ taucht „I Still Believe“ als bewusst gesetzter Popkultur-Moment auf – im Kontext von David Koresh, dem Anführer der Branch Davidians, deren Belagerung in der Katastrophe endete.
Historisch ist das aber keine gesicherte „Das lief wirklich im Compound“-Geschichte. Belegt ist, dass David Koresh während der Belagerung laut Musik spielte. Vermutlich waren es aber seine eigenen Songs. Während die Serie „Waco“ das Ganze zu einem pointierten TV-Moment verdichtet. Dank The Call.
Nach dem Tod von Michael Been im Jahr 2010 schien die Geschichte von The Call zunächst abgeschlossen. Doch sein Sohn Robert Levon Been hat den Vater längst überholt. Seine Band Black Rebel Motorcycle Club hat eine deutlich längere, globalere und im Streaming-Zeitalter sichtbarere Karriere. Aber der Sohn spielt die Songs seines Vaters live und sorgt dafür, dass die Bedeutung dieser Stimme nicht verloren geht.
Auf dem Black Rebel Motorcycle Club-Album „Howl“ aus dem Jahr 2005 findet sich der Song „Fault Line“, der oft als Auseinandersetzung mit familiären Spannungen gelesen wird. Zeilen über Risse, Brüche und Orientierungssuche lassen sich leicht als Reflexion über Herkunft und Erwartungsdruck deuten – Themen, die in der Beziehung zwischen Michael Been und Robert Levon Been dokumentiert sind. Der Song steht damit stellvertretend für eine künstlerische Verbindung, die von The Call bis in die Musik einer neuen Generation reicht und zeigt, wie prägend der Einfluss von Michael Been auch jenseits seiner eigenen Band geblieben ist.
Für die heutige Aufmerksamkeit sorgt allerdings nicht nur Nostalgie. Die neuen Remasters erscheinen in einer Zeit, in der digitale Plattformen musikalische Zusammenhänge sichtbar machen, die früher leicht verloren gingen.
So können The Call ein geordneten, zugänglichen Katalog online anbieten. Ihre Energie und die besondere Stimme von Michael Been wird zugänglich und neu erfahrbar. Dass sich dazu ein popkultureller Nebenschauplatz wie Tim Cappellos „I Still Believe“-Auftritt dazugesellet, kann 80er-Fans nur freuen. The Call melden sich nicht zurück, und wir wundern uns heute, warum die damals gefloppt sind.
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